Ursprung/Origins - eine Versuchsannäherung
2017









In seinem Labor in der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht Dieter Braun, Professor für Biophysik, über die Entstehung des Lebens auf der Erde vor mehr als vier Milliarden Jahren. Er geht mit seiner Arbeit der Frage nach, welche Prozesse die Evolutionder ersten Moleküle vorangetrieben haben.
Ebenso (und doch ganz anders) treibt die Künstlerin Judith Egger die Frage nach der „Lebenskraft“ um – der Kraft, die der Entstehung des Lebens zugrunde liegt. Dieses Thema umkreist sie seit vielen Jahren in Installationen, Zeichnungen und Performances. Den Urknall kann man nicht simulieren. Die klimatischen und chemischen Bedingungen direkt nach der Entstehung unseres Planeten kann man ebenfalls nicht rekonstruieren. Genau dort, wo das Hypothetische ins Spiel kommt gibt es einen interessanten Punkt, an dem sich Dieter Brauns Forschung und Judith Eggers künstlerische Arbeit berühren.
Für beide ist der Prozess des Experiments und der Erkenntnissuche das eigentliche Ziel. So beginnt ein spannender Dialog zwischen zwei sehr unterschiedlichen Methoden, Erkenntnis über die Welt zu gewinnen. Über den Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahren entwickelt sich in dieser Zusammenarbeit eine Art „Feedbackspirale“ bei der Fotos, Filme, Interviews, Installationen, Zeichnungen und Objekte zum Einsatz kommen und als Kommunikationsmittel genutzt werden.



Als ich eingeladen wurde, einen Projektvorschlag für den erstmals ausgelobten interdisziplinären Kunstpreis „zwei:eins“ einzureichen, kamen mir daher Dieter Braun und seine Forschung zum Ursprung des Lebens auf der Erde in den Sinn.
Die Freude war groß, als er einer Kooperation zustimmte und mein Projektvorschlag „Ursprung/Origins – eine Versuchsannäherung über die Selbstorganisation der Materie und Entstehung des ersten Lebens auf der Erde“ den Zuschlag bekam. Ich hatte lediglich die Zutaten eines neuen Experiments benannt: Ein Biophysiker und eine Künstlerin treten mit ihrem jeweiligen Handwerkszeug in Dialog.
So durfte sich über den Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahren immer wieder in Dieters Labor vorbeischauen und mit vielen Mitteln versuchen zu verstehen was dort vor sich geht: Fotos, Filme, Interviews, Installationen, Zeichnungen und Objekte kamen zum Einsatz und dienten als Kommunikationsmittel.
Das künstlerische Ergebnis dieser Auseinandersetzung habe ich im Mai 2017 in der whiteBOX in München präsentiert und ist auch in der projektbegleitenden Publikation nachzuvollziehen.
Ausstellungen
Texte
Roland Wenninger
Roland Wenninger
Laudatio zur Verleihung des Kunstpreises „zwei:eins“ an Judith Egger
Liebe Judith, liebe Freunde, sehr verehrte Damen und Herren, einige Anmerkungen zum Werk von Judith Egger unter dem Stichwort: Vitamine wachsen nicht im Jenseits oder Romantik und Gegenwart
Im Jahr 2004 gründet die Künstlerin, Judith Egger, das Institut für Hybristitk und empirische Schwellkörperforschung“. Im Rahmen
der künstlerischen Institutsarbeit finden in den folgenden Jahren in verschiedenen Ländern Installationen und Performances statt.
Zu den ersten Arbeiten des Instituts zählt die Installation und Performance „Biotopie“, 2005, in der Lothringer 13.
Auf einer Fläche von ca. 30 m² legt die Künstlerin in einer Art wissenschaftlicher Versuchsaufbau einen großen, sich ständig verändernden und wachsenden Landschaftskörper an. Die Installation besteht aus Erde, Pflanzen, Exkrementen, riechenden und nicht riechenden pflanzlichen und organischen Materialien.
Eine mit eine Kamera ausgestattete Modelleisenbahn zieht quer durch die Installation ihre Bahnen und dokumentiert die Veränderungen. Der Film wird zeitgleich in die Galerie übertragen. In einer anderen Performance, 2007, in Debrecen, Ungarn, arbeitet Judith Egger ebenfalls mit organischem Material, diesmal mit Parasiten.Die Arbeit trägt den Titel „Infektionskoffer“ und man befürchtet Schlimmes.
Die Künstlerin reist im Center for Modern and Contemporary Art, Debrecen, an und führt dort ein künstlerisches, parasitäres Experiment durch. Ein Befall durch Würmer, Pilze oder Milben ist der Horror jedes Museums. Mit ihrer Arbeit unterwandert Judith Egger – zum Glück mit einem Schuss Humor und Ironie – die Institution Museum.
Die Künstlerin sieht das gelassen. In einem Gespräch mit Rainer Gruber, promovierter Quantenforscher, sagt sie:
„Ja, das fasziniert mich auch, Schwellungen oder Pilze oder Organismen. Da interessiert mich die Bewegung an sich und sehr
viel weniger, ob ein Mensch diese Bewegung oder Veränderung als gut oder schlecht empfindet. Der Befall eines Hauses mit Pilzen ist eigentlich für den einzelnen Menschen etwas Schlimmes, doch für mich hat es etwas sehr Schönes. Es hat immer wieder etwas sehr Beruhigendes, die Perspektive zu verändern.“
Das„Institut für Hybristitk und empirische Schwellkörperforschung“, wird in den Jahren 2004 bis 2008 für Judith Egger zu einem wichtigen Experimentierfeld. Hier findet sie das zentrale Thema für ihre weitere Arbeit: Die künstlerische Gestaltung und Abbildung der Lebenskraft, mit dem Schwerpunkt Natur.
Grüne Erde
„Grüne Erde“ ist der Titel einer Performance, die Judith Egger 2008, im Teatro Sociale, Trento, aufführt.
Die Künstlerin steigt in einen länglichen Pflanzkübel, von der Größe eines kleineren Sarkophags, und wird nahezu gänzlich von Erde und Grünzeug bedeckt. Einzig die Brust der Künstlerin drängt zwischen Efeu und Heidekraut an die Oberfläche.
In ihrer fünf-stündigen Aufführung lotet die Künstlerin einerseits die Grenzen ihrer Belastbarkeit aus. Gleichzeitig steht die Arbeit „Grüne Erde“ exemplarisch für Judith Eggers fortlaufende Versuche, in ihren Performances Körper und Natur zu vereinen.
Judith Eggers Verbundenheit zur Natur und ihr Drang nach Entgrenzung spiegelt sich auch in dem Werk „Auflösung“, 2011.
Ort des Geschehens ist eine mit Moos bewachsene Lichtung in einem Nadelwald. Die Künstlerin bedeckt ihren Oberkörper und Kopf nahezu vollständig mit Moosteppichen, die sie in der Lichtung findet. Dann stellt sie sich nahe an einen mit Moos bewachsenen Baumstumpf. Auf dem Foto, das die Künstlerin mit einem Selbstauslöser macht, ist die Person Judith Egger verschwunden. Die Grenzen zwischen Körper und der ihm umgebenden Materie sind völlig aufgelöst. Einzig das große, weite Grün des Waldes bleibt.
Deutsche Romantik
Es liegt nahe, bei Arbeiten wie „Auflösung“ und „Grüne Erde“ an die Ideen und Ideale der Deutschen Romantik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu denken. Treibende Kräfte waren hier die Sehnsucht nach Einheit von Mensch und Natur sowie das Streben nach Unendlichkeit. Die Gemälde von Caspar David Friedrich und Johan Christian Dahl, mit weiten Horizonten, Wanderern überm Nebelmeer und dunklen Wäldern kommen ins Gedächtnis.
Judith Egger und die deutschen Romantiker treffen sich im Drang nach Entgrenzung, in der Suche nach einer Einheit von
Mensch und Natur und im sympathisieren mit dem, was jenseits menschlicher Wahrnehmung liegt.
Doch es gibt signifikante Unterschiede. Während die Romantiker von der Idee beseelt waren, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verweben, setzt Judith Egger auf die Gegenwart.
Judith Eggers Kunst findet statt. Bei aller Anarchie zeugen ihre Werke von großer Konzentration auf den Augenblick, den Moment. Und es geht um Prozesse – wie Transformationen und Bewegung. Insbesondere bei ihren Performances.
Während die Romantiker Friedrich und Dahl die Betrachter einladen, ins Bild einzutreten, auch im Sinne einer Entgrenzung, schlägt Judith Egger den Zuschauern ein Schnippchen.
Anlässlich der Performance „Vor der Imago. Die letzte Häutung. anschwellen, aufbrechen, platzen, durchschlüpfen, aushärten,
schrumpfen, 2006, im i-camp neues theater, München, sagt Judith Egger:
„Ich komme zu keinem „Schluss“ - klar war die Performance irgendwann aus, aber es gab keine Auflösung.
Es war einfach so, als hätte ich allen einen Einblick gewährt in einen Prozess: Man konnte kurz hinschauen und beobachten, dass sich da einer häutet und in einen anderen Zustand weiter kriecht, aber man konnte nicht erleben, dass derjenige dann auch endgültig befreit ist, er kriecht einfach von einer Haut in die nächste.
Es ist einfach eine Momentaufnahme in einem langen Prozess. Den „Stein der Weisen“ wollte ich damit keinesfalls finden, ich wollte einfach nur den Abschnitt eines bestimmten Weges aufzeigen.“
Judith Eggers Arbeiten finden statt – in der Gegenwart! Sie spricht die Betrachter ihrer Werke über eine sehr sinnliche Ebene
an, aber sie lässt sie nur bis zu einem gewissen Punkt ins Bild. Sie gibt keine Auflösungen.
Ihre Arbeiten verbergen ein Rätsel. Du musst Dir schon Dein eigenes Bild machen!
Liebe Judith,
Herzlichen Glückwunsch zum ersten Kunstpreis „zweizueins“.
Roland Wenninger, am 19. November 2015,
im Basement der Registratur, München