*1973
1992 – 1993
Lehre zum Holzbildhauerin, Oberammergau
1993 – 1997
Studium Kommunikationsdesign, FH Augsburg & Lancashire University in Preston/England
1999 – 2001
Masters of Arts, Royal College of Art (RCA), London
2006/2007
künstlerische Leitung des internationalen EU Projekts „open-here“
Statement
Meine Kindheit fand in einer Zeitkapsel im bayerischen Voralpenland ohne Fernseher, mit ausschließlich klassischer Musik und vielen Büchern aus dem 19. Jahrhundert statt. Meine Eltern liebten es, jedes Wochenende stundenlang querfeldein in der Natur zu wandern und zu meinem großen Ärger verloren wir oft den Weg.
Jetzt mache ich es genauso.
Mit 12 nahmen sie mich in eine Ausstellung von Jean Tinguely in München mit. Beim Anblick dieser riesigen kinetischen Ungetüme aus alten Maschinenteilen und Tierschädeln wurde mir sofort klar, daß es genau das ist, was ich in meinem Leben machen will. Die Umsetzung dieser Erkenntnis hat dann doch viel länger gedauert als erwartet, aber Tinguely, die Natur und später auch die kritische Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Denken (mein Vater war Meteorologe) sind wichtige Einflüsse auf meine Arbeit.
Meine Kunst ist sehr körperlich - daher kann ich viele meiner Ideen auch am besten performativ ausdrücken. Körperhüllen aus Gras, Prothesen aus Ästen oder ein Gestell mit Windhosen machen es mir möglich, mit der Welt auf neue Art in Kontakt zu treten.
Vita
Judith Eggers Ausbildung war von Gegensätzen geprägt: In Oberammergau lernte sie Holzbildhauerei, um dann weiter über Augsburg nach London zu ziehen, wo sie Kunst, Design und Kommunikation studierte. Ihr künstlerisches Spektrum hat sie seitdem stetig erweitert: Es reicht von Performance über Video und Fotografie bis hin zu Keramiken, Objekten, Zeichnungen und Installationen. Unkontrolliertes organisches Wachstum, parasitäre Organismen und radikale Verwandlung gehören schon lange Zeit zu Ihren Forschungsgebieten. Im Zentrum steht dabei immer die Obsession mit der alles antreibende Lebenskraft, die jedem Organismus innewohnt und die der Mensch in letzter Konsequenz nicht kontrollieren kann. Egger plädiert für eine neue Beziehung mit allem Lebendigen, welche nicht von Dominanz, Trennung und Unterwerfung geprägt ist, sondern vom Wissen über die gegenseitigen Abhängigkeit und tiefer Verbundenheit.
Kunst und Wissenschaft
Selbst aus einer Familie von Wissenschaftlern kommend gründet Judith Egger 2004 das anarchische „Institut für Hybristik und empirische Schwell-
körperforschung“. Das Institut wird zu einer Art Forschungslabor, in welchem sie das Thema für ihre weitere Arbeit findet: die künstlerische Abbildung und Ausdruck der unkontrollierbaren Lebenskraft, des èlan vital. Dazu entstanden eine Vielzahl von Arbeiten, unter anderem das Theaterstück Vor der Imago-die letzte Häutung (2006), die Installation Biotopie (2005) oder die Performance Grüne Erde (2008).
Als sie 2015 eingeladen wurde, einen Projektvorschlag für den erstmals ausgelobten interdisziplinären Kunstpreis zwei:eins einzureichen, enwickelte sie in Kooperation mit dem Systembiologen Prof. Dieter Braun (LMU München) den Projektvorschlag Ursprung/Origins – eine Versuchsannäherung über die Selbstorganisation der Materie und Entstehung des ersten Lebens auf der Erde.
Der Vorschlag erhielt den Zuschlag und so entwickelte Egger über den Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahren im Dialog mit Prof. Dieter Braun eine gleichnamige Ausstellung die 2017 in der whiteBOX in München gezeigt wurde. 2018 konnte sie das Projekt beim TEDxTUMSalon im Deutschen Museum präsentieren.
Auszeichungen
Presse
Roberta De Righi
Charlotte Borst
Charlotte Borst
Beate Zeller
Beate Zeller
link zum Artikel https://natur-dialog.org/2024/09/30/meine-wurzelhaende-wachsen-tief/
Miguel Cereceda
Jutta Czeguhn
Jutta Czeguhn
Danielle Cruz
Danielle Cruz
link zum Artikel
Erika Wäcker-Babnik
Erika Wäcker-Babnik
Judith Egger: Wildnis, Wald und wir
Die Münchnerin Judith Egger untersucht, ob und wie sich in der Zivilisation Verbindungen des Menschen zum Unkontrollierbaren und Unbestimmbaren aufnehmen lassen.
Die Übereinstimmung von Ort und Ausstellung könnte nicht passender sein: Ein Kunstprojekt, das das Spannungsfeld von »Wildnis und Zivilisation« befragt, wird an der Stelle in München gezeigt, die wie keine andere im Spannungsfeld von »Unort« und »Edelmeile« liegt. Die Unterführung Maximilianstraße–Altstadtring mit dem MaximiliansForum ist ein wahrlich wilder Ort im Großstadtdschungel – ausgerechnet unter der Straße, wo sich die Zivilisation von ihrer dekadentesten Seite zeigt. Noch immer wuchert dort halbtotes Grün auf den ehemals bepflanzten Rolltreppen. In Judith Eggers Installation »Lauschen & Lauern« setzt sich das Unbehagen der unwirtlichen Untergrundpassage in einem befremdlichen Setting fort. Durch die spiegelnden Scheiben der zweigeteilten städtischen Schauräume blickt man in eine kulissenartige Inszenierung: Blattwerk, Rinde und Holzstämme deuten in der düsteren Betonbox einen Wald an. Ein Hochstand aus Brettern suggeriert das Lauern auf eine Reihe skurriler Geschehnisse, die auf improvisierten Videodisplays zu sehen sind: Da stolpert ein strohartiges Wesen durch den winterlichen Wald und tappst schließlich durch die Straßen Münchens, wo es sich im rauchenden Verkehr zurechtzufinden sucht. Ein Wilder in der Zivilisation?
In einem anderen Video, »Transmission Wood«, wandert eine Gestalt – bei allen filmischen Figuren ist es immer die Künstlerin selbst – durch das nächtliche Paris. Ihre Mission ist es, mit den letzten Zeugen der »Wildnis« in der Stadt, den Bäumen, Kontakt aufzunehmen. Dazu hat sie sich ein antennenartiges Gebilde aus Ästen umgeschnallt, mit dem sie die wenigen pflanzlichen Relikte am Straßenrand aufspürt und kontaktiert. In »Transmission Waves« wiederum sitzt die Künstlerin in den Wellen und spürt mit langen Angeln, die tentakelartig aus ihrem Kopf wachsen und an denen Mikrofone hängen, den Tönen des Meeres nach.
Der Lauschangriff auf die Stimmen der »Wildnis« – das Knistern der Bäume und das Rauschen der Wellen – werden in die Passage übertragen und mischen sich mit den Tönen der Zivilisation: dem dumpfen Verkehrslärm, der von der Kreuzung in die Unterführung dringt. Für die Botschaft, die sie mit den ziemlich schräg anmutenden performativen Aktionen transportieren möchte, greift Judith Egger (*1973) wissenschaftliche und philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Natur und Kultur, von »Wildnis und Zivilisation« auf. Schon lange beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Ergründen unerforschter naturhafter Phänomene. Aus einer Familie von Wissenschaftlern stammend liegt ihr das Prozesshafte und Experimentelle wie auch das Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst.
So befasste sie sich für ihr aktuelles Projekt mit den Theorien des Philosophen Andreas Weber, bei dem sie »die ideelle Trennung von Mensch und Umwelt, Kultur und Natur als Keim einer tiefgreifenden Entfremdung« formuliert findet. Webers Essay »Indigenialität« wurde im Rahmen der Ausstellung präsentiert und diskutiert. »Indigenialiät heißt, sich als aktiven Teil eines sinnvollen Ganzen zu verstehen und so zu handeln, dass die eigene Lebensqualität die des Ganzen steigert«, so Weber. Haben wir uns nicht schon längst von der Natur entfremdet? Wie viel Wildes ist in uns noch vorhanden? Ist uns bewusst, welche Anteile des Instinkthaften, Unergründlichen durch die Zivilisierung in uns verloren gegangen ist? Wie finden wir zu einer lebendigen, gesamtheitlichen Wahrnehmung des Existentiellen zurück? Mit ihrem Projekt »Lauschen & Lauern« schickt Judith Egger sich und die Ausstellungsbesucher auf die Pirsch. ||
Jutta Czeguhn
Jutta Czeguhn
Tobias Stosiek
Tobias Stosiek
Radiobeitrag
Natalie de Ligt
Natalie de Ligt
Interview von Olympia Contopidis und Joshua Groß (Iinstitut für moderne Kunst Nürnberg) mit Jenny Schäfer (Künstlerin) und Judith Egger
Interview von Olympia Contopidis und Joshua Groß (Iinstitut für moderne Kunst Nürnberg) mit Jenny Schäfer (Künstlerin) und Judith Egger
Artikel von Cécile Olshausen
Artikel von Cécile Olshausen
Haarige Angelegenheit: Künstlerinnen bauen ein klingendes Urviech
Das Etwas «Hundun» entspringt der chinesischen Mythologie. Die Künstlerinnen Neele Hülcker und Judith Egger haben es an der Münchener Biennale für neues Musiktheater zum Leben erweckt. «Hundun» ist halb Skulptur, halb Instrument – und vor allem verstörend. Hundun heisst das Viech. Es ist struppig, borstig, schwabbelig – und es klingt!
Sechs Meter lang, 2,5 Meter breit und drei Meter hoch. So schwebt es über dem Boden, ohne Kopf und ohne Schwanz, ein amorphes Wesen, das Töne von sich gibt, eben: Hundun.
Eine klingende Installation
Hundun lebt vorübergehend in der Muffathalle in München. Die Muffathalle ist ein ehemaliges Kraftwerk, heute Kulturzentrum mit Biergarten am Ufer der Isar.
Die bildende Künstlerin Judith Egger und die Komponistin Neele Hülcker haben das Ding hier zum Leben erweckt, als klingende Installation während der Münchener Biennale für neues Musiktheater (28.5. – 9.6.2016). Die Idee: Ein Kunstwerk zu schaffen, das sowohl visuell als auch musikalisch überzeugt.
Strohhalmen, Bürstenborsten, Styropor
Während der halbstündigen Performance ist es im Saal dunkel, nur Hundun ist beleuchtet. Neele Hülcker und Judith Egger umrunden ihre Kreation. Wie Höhlenforscherinnen sehen sie aus: Auf dem Kopf ein Helm, daran befestigt eine Stirnlampe, aber auch eine Videokamera und Mikrophone. Ihre Körper sind von oben bis unten verkabelt. Die Kamera nimmt von extrem nahe die Oberfläche von Hundun auf und überträgt die Bilder auf Videobildschirme, die im Raum verteilt sind.
Wie unterm Mikroskop vergrössert sieht man Hunduns Haut: Sie besteht aus Strohhalmen, Bürstenborsten, Verpackungschips aus Styropor, Plastiklöffeln und vielem mehr – Verbrauchsgegenstände aus unserem Alltag, die mit Geigenbogen, Fingern, Holzstäben und anderen Utensilien zum Klingen gebracht werden. Diese Töne wiederum werden mit den Mikrofonen aufgenommen. Das Publikum spaziert um das Megaviech herum und hört die Hundun-Klänge über Kopfhörer – ganz nahe, im eigenen Kopf. Eine intime Begegnung mit Hundun.
Der chinesischen Mythologie entsprungen
Hundun war nicht von Anfang an Hundun. Seinen Namen bekam er erst im Verlauf des künstlerischen Prozesses. Zuerst war da einfach nur eine hängende Form. Je länger Judith Egger an ihr arbeitete, umso stärker kam Hundun hervor. Hundun entstammt der chinesischen Mythologie. Er ist ein gütiger Herrscher und steht für die Materie vor dem Beginn der Welt, also für die weder durch Zeit noch durch Raum definierte Materie: eine amorphe Masse, ohne eine einzige Körperöffnung. Und Hundun ist der Sage nach ein ausgesprochen beliebter Gastgeber. Als Dank für seine Gastfreundschaft, bietet man ihm eines Tages an, ihm an sieben Tagen sieben Löcher in seinen Körper zu bohren. Hundun ist hocherfreut und nimmt das Geschenk an. Doch am siebten Tag beim siebten Loch stirbt er.
Urviech
Eine verstörende Geschichte. Neele Hülcker und Judith Egger erzählen sie nicht nach, sie ist aber im Hintergrund immer präsent. Mit hochtechnologischen Mitteln schaffen die beiden Künstlerinnen Hundun eine musiktheatralische Szene. Lassen ihm dabei aber seine archaische Urkraft und geheimnisvolle Ausstrahlung, ein Spiel zwischen Hightech und Märchen. Die Begegnung mit Hundun führt unseren modernen Alltag mit unserer Fantasiewelt auf raffinierte Weise zusammen.
Martin Bürkl
Reinhard J. Brembeck
Ein Resümée der Münchner Biennale für Musiktheater
Reinhard J. Brembeck
Ein Resümée der Münchner Biennale für Musiktheater
Egbert Tholl
Markus Thiel
Markus Thiel
Interview von Jutta Czeguhn
Interview von Jutta Czeguhn
Viktoria Grossmann
Texte
Stephanie Gilles M.A.
Stephanie Gilles M.A.
Einführung von Stephanie Gilles M.A. anlässlich der Kunstnacht 2025
Judith Egger- Susanne Thiemann
Zeichnung- Skulptur
hängen · stehen · liegen
Madonna, meine Damen und Herren, die „Queen of Pop“, hielt anlässlich der Verleihung des Billboard Awards „Woman of the Year“ im Jahr 2016 eine Rede. Die meisten Männer fanden sie unglaublich und schüttelten den Kopf ☹. Die meisten Frauen fanden sie unglaublich und nickten ihr zu 😊.
Madonna beschreibt darin die unfairen Regeln, denen Frauen auch heute noch unterliegen, erzählt von ihren eigenen Erfahrungen mit Widerständen und Vorurteilen und macht klar, wie wichtig das mutige, sichtbare Einstehen für die eigene Stimme ist. Sie ermutigt, ja beschwört geradezu die Frauen, gegen gesellschaftliche Erwartungen zu opponieren, für weibliche Selbstbestimmung einzutreten und so eine Brücke in die Zukunft zu schlagen – als Wegbereiterin und Vorbild für die nächste Generation von Mädchen und Frauen.
Als ich diese Ausstellung im Gotischen Stadel Anfang der Woche zum ersten Mal sah, erinnerte ich mich unmittelbar an diese Rede. Denn hier hängen, stehen und liegen Arbeiten, die zeichnerisch wie skulptural ähnliche Erfahrungen berühren und weitertragen – nur nicht in der Radikalität, mit der Madonna ihre Botschaften formulierte, sondern subtil, tastend, forschend, und gerade bei Judith Egger immer auch gewürzt mit einer kräftigen Prise Humor.
„Sichtbarkeit ist für mich ein politischer Akt: feministisch, vielschichtig, frei. Meine Arbeiten verweben Geschichte mit Zukunft – tastend, suchend, nie abgeschlossen.“ Diese Aussage von Susanne Thiemann lässt sich ebenso auf Judith Egger beziehen. Sie fasst zusammen, was diese Ausstellung im Kern trägt: eine feinsinnige Korrespondenz zwischen Eggers Zeichnungen und Thiemanns Flechtarbeiten. Kein im Vorfeld ausgeklügeltes Programm, sondern ein Einverständnis, das sich während des Entstehens im Gotischen Stadel unvermittelt offenbarte – aufleuchtend wie ein Aha-Moment.
Gerade in dieser leisen Übereinstimmung entfalten sich feine Analogien zwischen skulpturaler und zeichnerischer Gestaltungskraft – mal subtil verborgen, mal offensichtlich. Das Ergebnis ist eine gemeinsame Sprache, die überraschend, vielschichtig und von großer Kraft ist.
Seit 2001 flicht Susanne Thiemann Skulpturen aus Kunststoffschläuchen, die sie als Restbestände aus den 1970er-Jahren in einer Lagerhalle entdeckte. Sie knüpft damit an die Tradition der Soft Sculptures an, die Künstlerinnen wie Yayoi Kusama in den 1960er-Jahren populär machten und für die heutzutage geradezu ikonisch die Textilkünstlerin Sheila Hicks stehen kann.
Die diesen Soft Sculptures zugrunde liegende Arbeitsweise setzt auf flexible Materialien und löst sich damit von den klassischen Vorstellungen des Modellierens oder Schnitzens. Sie eröffnet völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten . Das entspricht Susanne Thiemann besonders, speist sich doch ihre Inspiration in hohem Maße aus der ursprünglichen Ausbildung zur Korbflechterin.
Was in der Flower- Power- Zeit als Material für bespannte Gartenstühle diente, verwandelt die Wahlmünchnerin heute in Kunstwerke. Durch ihr Upcycling haucht sie dem Kunststoff neues Leben ein und überführt Vergangenes in eine neue Daseinsform.
Im Arbeitsprozess leitet Thiemann ihre Figuren, ohne sie in eine starre Form zu zwingen. Die Materialität der Schläuche folgt eigenen Gesetzen: Die Skulpturen drehen und wenden sich, sacken ein oder richten sich unvermittelt wieder ein wenig auf. Sie entwickeln ein Eigenleben – frei, manchmal provokant, nicht selten an weibliche Körper erinnernd und stets von einer leisen Verletzlichkeit durchzogen.
Es entstehen amorphe Gebilde in Rot, Weiß oder Schwarz, elegant und geerdet, neben bunt gestreiften Objekten wie der frei schwebenden Arbeit „Hang-on“, die in Farbe und Bewegtheit pralle afrikanische Lebensfreude assoziiert. Ebenso finden sich abstrahierte Wandarbeiten: kissenartige, fransige Objekte, deren geheimnisvolle Fremdheit eine Ahnung von Wissen in sich trägt – vergleichbar dem „Hut“ im Kleinen Prinzen, der sich dem phantasievollen Blick als etwas gänzlich anderes offenbaren wird.
All diese textilen Schöpfungen sind horizontal und vertikal verflochten. Sie bilden Haarschöpfe und Zipfelröcke, greifen schlingpflanzenartig aus. Manche hängen von der Decke, andere wachsen aus dem Boden: Hüllen, Kokons, Seelenverstecke, aus denen man sich herauswinden kann, in denen man gefangen bleibt – oder aus denen man sich befreit, indem man den Schlauch zum Tanzkleid erklärt.
Es ist ein Spielen und Wogen, das diese Figuren – zumal im Zusammentreffen auf engem Raum – eingehen. Die einen geerdet, die anderen befreiter, streben sie alle selbstbewusst in die Höhe wie eigenständige Wesen mit klarer Haltung.
Und zwischen diesen aus endlosen Kunststoffschläuchen geflochtenen Skulpturen spitzen vorwitzig kleine und große Papierarbeiten von Judith Egger hervor. Auch sie feiern die Weiblichkeit, die Kraft und Energie, die Frauen aufbringen, um das Leben zu verstehen und selbstbestimmt zu gestalten.
„Druck-Stellen“ nennt Judith Egger diese, ihre jüngsten Arbeiten. Während sie bis vor kurzem Objekt und Installation, Video und Performance den Vorrang gegeben hat, ist diese seit rund sechs Monaten währende Schaffensphase geprägt von subtil hintergründigen, unmittelbar und mitunter wütend anmutenden Zeichnungen, die jedoch nie ins Destruktive abgleiten.
Vielmehr findet die Künstlerin auch in ihren neusten Zeichnungen Wege, die Essenz des Menschlichen herauszuschälen, das Wunderbare neben das Bekannte, das Phantastische neben das nüchtern Nachvollziehbare zu setzen – und so die Wahrnehmung der Betrachterinnen und Betrachter aus dem Gleichgewicht zu bringen, ja geradezu durchzuschütteln.
Und so wuchert in den zeichnerischen Arbeiten dieser Ausstellung kraftvoll Lebendiges, das sich krakengleich im Leben verheddert oder vor Wut Klangschalenkörper hervorbringt, das zerfließt, sich versteckt oder von innen heraus leuchtet. Nichts ist eindeutig, und doch aktiviert Judith Egger gerade dadurch den Geist des Betrachters und beschert ihm ein Synapsenfeuerwerk, das seinesgleichen sucht.
Ihr Gestalten ist ein intuitiver Prozess, der den Dingen ihren Lauf lässt und von einer geduldigen Neugier getragen wird. In ihren Zeichnungen dehnt sich die Kraft des Lebens, breitet sich aus, wuchert, sackt in sich zusammen, droht zu vergehen, ist suchend, findet einen Weg – und führt uns so immer wieder die wesentlichen Fragen nach den Grundlagen unseres Daseins und den Bedingungen unseres Zusammenlebens vor Augen.
Spontan, unmittelbar, ohne Titel – die Arbeiten von Judith Egger sprechen in ihrer Direktheit weniger den Verstand an als die innere Wahrnehmung. Sie sind, wie Ramuntcho Matta treffend feststellt, voller Spannung, Abenteuer und Humor. Ihre „formalen Angebote stellen niemals Bewertungen dar, sondern legen Spuren, die uns den Weg zu neuartigen Empfindungen weisen.“ *
Und da Matta außerdem bemerkt, sich mit Worten auszudrücken gleiche dem Versuch, eine Wolke fangen zu wollen, schließe ich meine Ausführungen an dieser Stelle lieber und überlasse Sie Ihrem Sehnerv und Ihrem Solarplexus.
Eine weiterhin vergnügliche Kunstnacht wünscht Ihnen das Team der Neuen Galerie!
* Ramuntcho Matta, in: Katalog "Matter", Verlag für moderne Kunst, 2016, S.88f.
Dr. Ulrich Schäfert
Dr. Ulrich Schäfert
OSTERKERZE 2024
IN ST. PAUL VON JUDITH EGGER
Die Osterkerze 2024 für St. Paul hat Judith Egger in Form einer sich nach oben hin verjüngenden Spirale gestaltet. Die Künstlerin, die aus einer Familie von Naturwissenschaftlern stammt, erforscht auf künstlerische Weise die Zusammenhänge des Lebens und erweitert so die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit in den Bereich des eigentlich nicht Sagbaren, des Wunderbaren hinein.
Die von ihr gestaltete Osterkerze kann als Auseinandersetzung mit der Zeit und dem Leben betrachtet werden. Die sich verjüngende Spirale lässt schon formal an das Vergehen von Zeit sowohl im linearen wie auch im zyklischen Sinne denken, wobei dem Menschen im Lauf des Lebens ähnliche Themen und Erfahrungen immer wieder auf einer anderen Ebene begegnen.
Bei der Recherche für die Gestaltung der Kerze stieß die Künstlerin auf die mittelalterliche „Kerzenuhr“, auch „Stundenkerze“ genannt. Diese vor allem für die Gebetszeiten in Klöstern entwickelte Kerze zeigte die vergehende Zeit durch das abbrennende Material an. Dabei kamen neben einer Skala, um die vergangene Zeit abzulesen oft auch Metallstifte mit Gewichten oder Glöckchen zum Einsatz, die in die Kerze gesteckt wurden. Wenn die Kerze bis zu diesem Gegenstand abgebrannt war, fiel dieser Metallgegenstand nach unten auf einen Metallteller und erzeugte ein lautes Geräusch. Dadurch konnte die vergehende Zeit auch akustisch wahrgenommen werden.
Die Künstlerin macht – wie auch in anderen ihrer Arbeiten – ausgehend vom Gedanken der Kerzenuhr auf eine sehr sinnliche Weise Wesentliches über das Leben erfahrbar: Judith Egger arbeitet kleine Goldnuggets und Dornen in eine von ihr beschnitzte und im unteren Bereich mit dem oben herausgenommenen Wachs erweiterte, handelsübliche Osterkerze ein. Die Dornen und Goldklümpchen fallen beim Abbrennen der Kerze nach und nach aus dem Wachs heraus. Sie werden von einem im Kerzenständer integriertes Metallblech aufgefangen, was ein leises, metallenes „Pling“ verursacht. Mit etwas Glück kann man dies bei genauem Hinhören bemerken. Die Anordnung ist zufällig und der Zeitpunkt des Herausfallens nicht genau voraussehbar. Dieser Vorgang kann symbolisch gedeutet werden: Auch im Laufe eines Lebens wechseln sich dornige und goldene Erlebnisse ab, wobei nicht genau vorhersagbar ist, wann ein goldener und wann ein dorniger Augenblick auf uns zukommt.
„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz.“ (Kohelet 3,1.4)
Lebendig flackernd erhellt wird dieser Fortgang des Lebens dabei vom Licht der brennenden Kerze, die sich selbst verzehrt.
Dornenkrone und Wundmale sind Bilder für das Leiden Christi, wobei sich Wundmale in Kreuzform angeordnet auf klassisch gestalteten Osterkerzen finden. Gold ist auch uraltes Symbol für das göttliche Licht, das die Welt verwandelt. Die Transformation des Lebens in der Auferstehung Jesu Christi steht im Mittelpunkt der christlichen Feier des Osterfestes, für die die Osterkerze Symbol ist.
PS: Bei den größeren Goldklumpen handelt es sich NICHT um echte Nuggets, sondern um vergoldeten Zinn. Tief in der Kerze sind allerdings auch ganz kleine, echte Goldnuggets aus Alaska eingegossen, deren Wert wegen ihrer kleinen Größe sehr gering ist.
Marion von Schwabowsky
Marion von Schwabowsky
Der Wind pfeift – das tut er an und ab und meistens ist das nicht gemütlich. Nichtsdestotrotz wissen wir, dass der Wind, wenn er erstmal pfeift, auch was Frisches mit sich bringt: Zeit die Segel zu setzen!
„Der Wind pfeift“ ist für uns ein passender Titel für die erste Ausstellung der „neuen“ boutwell schabrowsky gallery im noch jungen Jahr 2021. Und weil es ein außergewöhnliches Jahr bleiben wird, starten wir mit zwei außergewöhnlichen Künstlerinnen. Proudly presented: Judith Egger und Susanne Thiemann!
Susanne Thiemann wurde reichlich „Frischwind“ in die Wiege gelegt, nicht nur weil sie in Kiel, sondern weil sie mitten rein in die Kunst geboren wurde. Ihr Vater war der spätere Direktor des Ostwall Museums in Dortmund und ein Förderer der zeitgenössischen Szene: Allen Kaprow, der Vater der „Happenings“, Joseph Beuys, Agostino Bonalumi, Wolf Vostell und viele mehr gingen bei ihm ein und aus. Bei so viel Kunst um sich herum wollte Susanne Thiemann erst mal eigene Wege gehen. Sie begann eine Ausbildung zur Korbflechterin, die sie 1987 mit ihrer Meisterprüfung abschloss. Im selben Jahr eröffnete sie ihre eigene Werkstatt im Herzen von München, die sie bis heute betreibt.
Die Kunst war natürlich in all den Jahren nie weit weg, wenn auch eher ein Interessensgebiet. Das änderte sich aber vor knapp 20 Jahren, als sie aktiv ihr künstlerische Arbeit aufnahm und erste Skulpturen, Plastiken und Objekte in die Welt setzte, die Chris Dercon in ihrer inhaltlichen Dimension mit Werken von großen Künstlerinnen wie Eva Hesse oder Yayoi Kusama verglichen hatte.
Im Kern bringen Thiemanns Arbeiten ein starkes Lebensgefühl und eine konsequente Haltung zum Ausdruck.
Dazu gehört, dass sie von Anbeginn ihrer Karriere die traditionelle Trennung von angewandter Kunst und bildender Kunst einfach hinweggefegt hat. Indem all ihre Skulpturen und Objekte ausnahmslos mit der Hand geflochten sind, betont sie die Bedeutung, die ihre handwerkliche Ausbildung für sie hat: Sie ist das Fundament ihres täglichen „Tuns“ und muss damit in ihr Kunst einfließen, um authentisch zu sein. Und ganz klar… es ist für sie auch ein emanzipiertes Statement. Warum? Fakt ist nämlich, dass kunstgewerbliche Techniken nur zu gerne mit weiblichen Tätigkeiten assoziiert Ihr werden. Anders ausgedrückt: Frauen stricken, weben, knüpfen, flechten – Männer schaffen große Kunst. Das ist Schnee von gestern und Thiemann gehört zu der Generation, die damit aufgeräumt haben. Konventionen und Kategorisierungen sind dafür da, auf die Seite geschoben zu werden.
Kunstschaffen heißt für Susanne Thiemann Wertesysteme hinterfragen, Prinzipien auf die Probe zu stellen und Entscheidungen zu treffen. Und da spielt es nicht nur eine Rolle, „wie“ man arbeite, sondern auch mit „was“ man verarbeite: Wenn es um das Material geht, war es bei der Künstlerin „Liebe auf den ersten Blick“: Von Anfang an verarbeitet sie farbige Kunststoffschläuche, die in den 1960ern und 1970ern produziert wurden, um Sitzflächen von Stühlen und Liegen damit zu bespannen. Dieser „Rohstoff“ hat für die Susanne Thiemann eine persönliche Bedeutung, weil er mit ihrer eigenen Sturm-und-Dran-Zeit und dem damit verknüpft Lebensgefühl verwoben ist: Es war eine Zeit, in der revolutionäre Energie und Protest in der Luft lag. Eine junge Generation wollte raus an alten Denkmustern, um alternative Lebensentwürfe aus dem Boden zu stampfen. Die Kunst ist in dieser Zeit auch zu völlig neuen Horizonten aufgebrochen. Neue Materialien, neue Ausdrucksformen und neue Themen. Die Transformation war gewaltig.
Diese Offenheit und Experimentierfreude, die sie auf allen Ebenen in dieser Zeit erlebt hat, gehört bis heute zu Thiemanns Lebenseinstellung und damit zu ihrem künstlerischen Arbeitsprozess. Jede Ihrer Skulpturen oder Objekte ist „unberechenbar“, weil in ihnen eine gute Portion an Eigendynamik am Werk ist. Grund sind die elastischen Eigenschaften des Materials: Gestützt werden die Skulpturen von einer „Wirbelsäule“ aus Eisen und partiell horizontal verankerten Platten. Zwischen diesen Platten, wo die Kunststoffschläuche keinen direkten Halt finden, sind es die Gesetze der Gravitation, die die „Formvollendung“ übernehmen. Thiemann schätzt diesen Grad an Kontrollverlust, weil es so wunderbar das Leben widerspiegelt. Wie heißt es so schön „Umso mehr man plant, um so berechenbarer wird der Zufall“. Thiemann nimmt die Dinge gerne so, wie sie kommen und das sollen ihre Werke auch widerspiegeln. Gut so! Denn die Rundungen und Wölbungen, die den Plastiken im Prozess des Werdens erwachsen, haben was ungemein Genüssliches an sich, wirken weich und haptisch. Man will sie einfach anfassen! Die Werke von Thiemann sind fast schon eigene Persönlichkeiten, die von einem kraftvollen Charakter geprägt sind: Egal ob sie stehen oder von der Decke hängen…sie sind ungemein präsent, nehmen den Raum ein, sind autonom, eigensinnig und individualistisch.
Mit ihnen vollführt die Künstlerin einen gekonnten Balanceakt, bei dem Gegensätze auf völlig harmonische Weise miteinander verwoben werden: Handwerk und Kunst, Organisches und Künstliches, Sinnlichkeit und Kalkül, Größe und Leichtigkeit, Üppiges und Reduziertes, Sinnliches und Bewusstes. Tja, Gegensätze ziehen sich eben an. Und dann ist Spannung im Spiel und Spannung ist das Gegenteil von lasch und lethargisch. Enough said!
‚Spannung‘ ist das Schlagwort, dass uns zu Judith Egger katapultiert. Schon allein ihre Ausbildung war von Gegensätzen geprägt: In Oberammergau studierte sie Holzbildhauer, um dann weiter nach London zu ziehen, wo sie Kunst, Design und Kommunikation studierte. Ihr künstlerisches Spektrum hat sie seitdem stetig erweitert: Es reicht von Performance über Video und Fotografie bis hin zu Comicbüchern, Keramiken, Objekte und Installationen …nicht zu vergessen: Zeichnungen. Hiervon zeigt die Galerie eine Auswahl aus der Serie „Dark Collages“.
Judith Egger ist wie ein System von Satelliten, die im Orbit um einen zentralen Themenschwerpunkt kreisen, nämlich „Energie“. Nicht irgendeine physikalische Einheit. Nein, die Ur-Energie interessiert sie. Diese pure Energie die alles, was existiert durchfließt. Diese Energie, die dem Leben die Initialzündung verpasst, damit es zu atmen beginnt.
Viele der ältesten Mythen kreisen schon im diese nicht fassbare und gewaltige Antriebskraft des Lebens. Sie erzählen vom Ursprung, an dem das „Weltenei“ stand, aus dem das gesamte Universum geboren wurde. Eines der ersten Wesen, das diesem kosmischen Ei entschlüpft sein solle, war ein Gott, der in der Welt viele Namen trägt. Die Griechen nannten ihn Eros und haben dem Lebensantriebs damit einen Namen gegeben.
Diese allumfassende, pure Energie fasziniert Judith Egger, weil sie in uns allen steckt und uns wie ein Motor antreibt.
Das vitale, schöpferisch-kreative, visionäre Element in uns erhält den nötigen Funken, um in die Welt zu treten.
Judith Egger’s cartoon-artige Zeichnungen, die mit einer ordentlichen Prise vom legendären ‚dark humour‘ der Briten gewürzt sind, erzählen von dieser Kraft. Es ist eine fortlaufende Serie, die 2018 begonnen wurde. Auch wenn es keine feste Chronologie hierbei gibt, könnte man doch die Zeichnung eines abgenagten Apfels an den Anfang stellen. So manch einer mag nämlich an die Geschichte von Adam und Eva denken und den damit verbundenen Rausschmiss aus dem Paradies. Vorbei war’s mit dem Wattezeitalter. Umso besser: Denn damit hatte der Mensch seine Freiheit erlangt, um sich in die lustvolle Last des Lebens zu werfen und sein enormes Energiepotential zur Entfaltung zu bringen.
Etwas von dieser strotzenden Kraft ist in die Zeichnungen von Judith Egger gefahren: Amorphe Massen schwellen, quellen und drängen in alle Richtungen, um zu wachsen und sich zu entwickeln. Aber leicht haben sie’s nicht – geometrische Strukturen setzen dem Entwicklungsdrang der blähenden Lebensmasse ganz schön was entgegen. Sie geben die Richtung vor und halten die ungezähmt ‚live force‘ in Schach.
Zugeben: Die Ur-Energie trägt etwas maßloses und ungezügeltes in ihrem Wesen, was zerstörerisch sein kann. Deshalb geht es ohne Kontrolle und lenkenden Strukturen nicht ganz. Ein gewisses Maß an Ordnung ist durchaus erstrebenswert. Aber ein Zuviel an Kontrolle und starren Regelvorgaben ist nicht förderlich. Es engt ein und vorbei ist’s mit der freien Entfaltung und Selbstverwirklichung. Kucken wir uns die lebendigen Schwellkörper von Judith Egger an: In ein Korsett gesteckt verlieren sie an ‚Saft‘ und Kraft.
Die Kraft der lustvollen Last des Lebens verspürt man in unserer Gesellschaft immer weniger. Schon seit einiger Zeit rudern wir in Richtung einer Sicherheitsgesellschaft, die versucht, etwaige Risiken auszuklammern. Controlling-Systeme bieten Schutz und ohne Unterlass werden neue Optimierungsmöglichkeiten ausgetestet. Elan Vital sieht anders aus.
Judith Egger beäugt aufmerksam diese Entwicklung, in der das Leben immer mehr konstruiert und kontrolliert, aber immer weniger gelebt wird. Die urwüchsige Natur und vom Menschen geschaffene Welt der Kultur triften immer weiter auseinander. Die Beobachtungen der Künstlerin fließen in Werke ein, die häufig von einer herrlichen Ironie getragen werden. Ein schönes Beispiel sind ihre „Insektenhotels“. Inspirationsquelle waren die hiesigen Baumärkte in und um München. Verschiedene Modelle eines solchen sog. Insektenhotels können dort käuflich erworben werden. „Interessant“, befand Judith Egger, weil ihr hier eine gewisse Doppelbödigkeit ins Auge gesprungen ist. Da gibt es eine Vielzahl von Gärten wie wir sie gut kennen: Designer-Gartenmöbel, perfekt gepflegter Rasen, die Hecken gestutzt und die Qi-Gong-Ecke mit Buddha-Kopf gibt’s auch. Die ideale Bühne zum schicken chillen. Biodynamisch wird hier eine privat motivierte Flurbereinigung betreiben, in der sich Flora und Fauna nicht besonders wohlfühlen. Und deshalb stellt man sich ein solches Insektenhotel in den Garten, um Wildbienen und Marienkäfer „Nisthilfen“ anzubieten. „Umweltschutz ist ‚in‘ und wir sind dabei“ ist die Devise. Da ist es natürlich ärgerlich, dass die meisten dieser Nisthilfen von den nützlichen Flug- und Krabbeltierchen gar nicht angesteuert werden, weil sie ihren natürlichen Bedürfnissen schlicht und ergreifend nicht entsprechen. Da hängt man sich lieber ein Windspiel in den Garten. Das bringt wenigstens die eigenen Chakra-Zentren in Balance und löst die „atmosphärische Spannungen“ – vielleicht zieht das fleißige Bienchen an. Wer weiß. Mittlerweile hat der Mensch ein verschrobenes Verhältnis zu sich und seiner Welt entwickelt.
Vor diesem Hintergrund ist die Werbeanzeig von Judith Egger für ihre Versionen eines Insektenhotels durch und durch mit Ironie zu verstehen.
"Deluxe Insektenhotel
Sie sind Insekt und suchen einen besonderen Ort zum Ausspannen? Das Deluxe Insect Hotel und das Bio Insect Hotel bieten Ihnen Erholung und Wellness auf höchstem Niveau. Unser Angebot reicht von Bungee-jumping, Beach-Volleyball, Day-Spa bis hin zu vollwertiger Fünf-Sterne-Küche. Wir erstellen Ihnen gerne ein unverbindliches Angebot.“
Rainer Gruber
Rainer Gruber
Liebe Judith,
beeindruckend,
die Montage deiner beharrlichen, stummen
und doch fordernden Anwesenheit
in diese fremde Natur hinein, so fremd,
daß ein Gleichgewicht entsteht,
hier bist du, hier bin ich,
ein neugieriges Belecken,
nicht die Natur ist das Geheimnisvolle, sondern
du mit deinen Spinnenantennen,
die Fischerin, die sich der Netze entledigt hat, und -
kleine Schwester der Gravitationswellenhorcherin LISA -
das alicanteske Universum, nein,
nicht erforscht, zu sich selbst auflaufen läßt.
Selten habe ich ein Meer so offen, so entgegenkommend erlebt,
und das, weil du in deinem nichtswollenden Dasein
so präsent und unverrückbar du bist,
in der Ruhe deiner künstlerischen Schwellkraft angekommen,
als Parasit zum Gegenpol des Parasitären aufgelaufen.
Meine Forschungen zeigen, daß die Natur,
die die Naturwissenschaften hypostasieren,
nurmehr ein Fetisch ist,
die Physik nurmehr ein Nachzeichnen der Physiognomie eines Raumkonzepts,
das es den Physikern ermöglicht,
die Bedingung der Möglichkeit des Messens mathematisch zu kodieren.
Mathematische Strukturen des konzipierten Raumes bieten sich an,
sie als physikalische Objekte zu identifizieren;
die Invariante dieses Raumkonzepts -
das, was sich stets gleich bleibt in aller Bewegung -
im selben Atemzug identifiziert als die Wechselwirkung,
der die Objekte unterliegen und die sie uns
als physikalische Objekte erkennbar werden läßt.
4 Raumkonzepte unterschiedlicher Art konstituieren
Episteme der Physik, erzeugen die je unterschiedlichen Objekte
samt ihrer je unterschiedlichen Wechselwirkungen.
Jahrhundertelange schweißtreibende Forscherarbeit
hat diese Raumkonzepte konstituiert als Grundlage
der Herausbildung der Allgemeinen Relativitätstheorie,
der Elementarteilchentheorie, der Quantentheorie und
der klassischen Physik, mit deren kontravarianten Messgrössen
die kovarianten Variablen des jeweiligen Raumkonzepts
identifiziert werden als Voraussetzung und Krone des Erfolgs.
Es ist diese 1:1 Identifikation, die der Physik ihre
beeindruckende Potenz der Vorhersage verleiht.
Es ist die mathematische Konsistenz des Raumkonzepts,
die der resultierenden Theorie Überzeugungskraft verleiht,
und es sind die gelungenen Suchbewegungen der Experimentalphysiker,
die die Bedingung der Möglichkeit des Messens - das Raumkonzept -
ausmessen und so das Weltbild und die blendenden Erfolge der Physik
konstituieren.
Ich liebe deine Arbeit sehr,
deinen inzwischen so selbstsicheren Sprung ins Ungewisse,
das Phantastische deiner so erdgebundenen Phantasie.
Deine Angeln erscheinen mir als Zwilling der Suchbewegungen
der Experimentalphysiker im Anrauschen der Erscheinungen,
deine den Wassern entgegengesetzte selbstkonsistente Erscheinung als der
zum Objekt einer Wahrnehmung geronnene blendende Fetisch,
den die Schwellkörperforschung konstituiert,
nicht unähnlich der ihrer Tätigkeit unbewußten physikalischen Theorie.
Und so umarme ich dich, in großer Zuneigung
und gespannt auf deine weiteren Eskapaden in Niemandsland!
Rainer

Erhard Michael Och
Erhard Michael Och
hundun // von erhard michael och
* * * * *
experiment vom 22.07.2017: eine stunde im raum mit der installation hundun verbringen, allein für mich.
* * * * *
ich betrete den dunklen, höhlenartigen raum mit dem fiepen, zirpen, schaben, kratzen, krächzen, den bildern auf den drei monitoren, den verkabelungen, ... / simurgh / ich suche mir einen platz, zuerst bei dem erdhaufen, doch dann ists für mich noch stimmiger, meine schurwollunterlage mit dem kapokzenkopfkissen direkt unter hundun zu platzieren / ich entdecke dort eine herabhängende holzwildwurz, wo grünzeug und ein weiße blüte rauswächst mit regenwaldanmutung, .. / baumelnde glasmurmeln in einem feinen netz laden mich dazu ein, sie zu berühren und ihnen klänge zu entlocken. ich lege mich hin, ruhe auf dem boden, schließe die augen, mache mich leer, nur gefäß sein, ... , die geräusche hüllen mich ein, ein rascheln, ein reiben, ein zündeln, ein zerreißen, ein stoßen, tummeln, kleine käferlein ... / orchi-ideen / ... mein aufenthalt im windloch, einer schachthöhle, wo ich vor einigen jahren auch allein ruhte, tief unten im schoß der erde, senkrecht über mir der sternenhimmel, nachts, taucht in meinem geist auf, wie da die ängste schwanden und die fledermäuse mich umschwirrten, einhüllten, einwebten und eine tiefe feine sprühende geborgenheit in und um mir war, ... / lost lust lost / trauer steigt auf in mir, ich unter hundun liegend / über die jahre, die vergangen sind, unwiederbringlich, ... dieses gefühl, viele jahre nur irgendwie überlebt zu haben, getrennt, .... / wollwuselseeigelzeltplanenbaumilchschaum / ..ich krieche dann auf allen vieren um hundun, lasse mich von der dokumentierten klangperformance von j. und x. in münchen inspirieren, lasse die löffelchen schnellen, vogelpfeife fiepen, ohrwürmchen unhörbar kriechen, wabbelnde palstikeuter wummern, erkunde mit händen und armen allsaitig die schwarze, blättrige, pustelige, fellige, jede menge überraschungen bereithaltende haut von hundun, ... / matsch, wasserrinnsale, ... / die ultraschallbilder wie militärische spähanlagen, die das nächtliche land abscannen / schillernde libellen / die klangperfomerinnen mit ihren stirnlampen, helmen: bergwerkerinnen, archivarinnen, stollentreiberinnen... / das vorsichtige streichen des geigenbogens auf dem narbigen widerständigen, .... / ... goldene röhrenknochen aussaugen / ... meerbug ... / widderhörner / i can hear trumpets.
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( verbindungmaschinen zusammenbauen: der organlose körper bei deleuze / kleist`s über das marionettentheater / nietzsches verkündigung des todes gottes (der tolle mensch) / „sleeping giant“ auf herbie hancocks „crossings“(1971) / neues paradigma: hundun bewusster gedacht als wir unbewusste / dschuang dsi`s freude der fische )
Franz Schneider
Franz Schneider
Störfall
Dass sich die Künstlerin Judith Egger mit wissenschaftlichen Denkweisen auseinandersetzt, scheint naheliegend, stammt sie doch selbst aus einer Familie von Wissenschaftlern. So gründete sie vor einigen Jahren ihr eigenes »Institut für Hybristik und Schwellkörperforschung«. Dessen künstlerisch forschender Ansatz unterscheidet sich allerdings erheblich vom heutigen Wissenschaftsverständnis, welches beherrscht ist von analytischer Beweisführung mit dem Ziel größtmöglicher Objektivität und Abstraktion. In Judith Eggers Forschung steht vielmehr das ungehemmt Wuchernde, myzelhaft Wachsende, sich assoziativ Entgrenzende im Mittelpunkt. Allein die Titel ihrer letzten Ausstellungen »accumulation«, »Biotopie«, »Befall«, »das Röhren der Würmer« oder »Sumpf« weisen darauf hin, dass hier den sterilen, jede Unschärfe und Verunreinigung ausschließenden Laborprozessen andere, scheinbar zufällige, assoziative, ja »wilde« Denk- und Schaensprozesse im Sinne Claude Lévi-Strauss’ entgegengesetzt werden, welche mehr Fragen stellen als Antworten suchen.
Wie eine »Bricolage«, die aus unterschiedlichen Versatzstücken etwas Neues schat, funktionieren viele ihrer Arbeiten, in denen sie aus Ton, Gips, Transparentpapier, Draht oder Latex scheinwissenschaftliche Objekte und Dokumente erschat, welche aus den Sammlungen von Forschungsreisenden, aus aufgelassenen Laboren und frühen naturkundlichen Museen stammen könnten. Bei näherem Betrachten aber sind es wild wuchernde und im besten Sinne zusammengebastelte Assoziationsballungen, die Disparates ebenso vereinen, wie sie es wieder zerfallen lassen. In das Spannungsfeld von Zerfall und Wachstum stellt sie auch die große Installation »Störfall« in der Pfeilerhalle der Rathausgalerie.
Der Besucher ªndet sich in einer umgreifenden Laborsituation
wieder, welche einen recht desolaten Eindruck macht.
Das Durcheinander der Labor-Utensilien, die auf dem Boden verstreuten
bröseligen Materialien, das schwe³ige, diuse Licht
scheinen auf einen zerstörerischen Unfall hinzudeuten. Die
Aufhebung von Ordnung, was ein strukturiertes Analysieren der
Situation erschwert, ist begleitet von einer Aufhebung der Zeit:
Während das weiße zeltartige Gebilde auf eine archäologische
Ausgrabung hindeutet, sind die noch vor sich hin tickenden,
funktionslos zuckenden Messgeräte ein Indiz für einen erst vor
Kurzem erfolgten Störfall, dessen Ausmaß schwer zu ermessen
ist. An den Pfeilern ranken sich wild wuchernde Latexgebilde
empor, unterschiedliche Lebensformen, die an Pilz- oder
Störfall
von Franz Schneider
Franz Schneider, * 1957, studierte von 1977 bis 1980 an der Universität
Regensburg und gründete 1983 den Verein für zeitgenössische Kunst
Landshut e.V. Von 1985 bis 1992 war er Vorstand und Kurator der Galerie
am Maxwehr e.V., und seit 1992 ist er Leiter und Kurator der Neuen Galerie
Landshut e.V. Es erscheinen zahlreiche Texte zu Kunst und Künstlern.
Der Text »Störfall« ist im Rahmen der Gruppenausstellung der Neuen
Galerie Landshut e.V. »Kunst- und Wunderkammer revisited – Weisen der
Welterschließung in der aktuellen Kunst« (2012), entstanden.
* Vito Fumagalli: Der lebende Stein. Stadt und Natur im Mittelalter,
Berlin 1989, S. 12f.
Bakterienfäden erinnern und sich nicht eindeutig P³anzlichem
oder Tierischem zuordnen lassen. Sie können ebenso Relikte
eines verunglückten Experiments sein wie Pionierlebewesen, die
ein neues Biotop besiedeln. Judith Egger lässt ihre Installation
nach beiden Seiten oen. Die Zersetzung einer Dorfstraße, wo
sich der Kuhdung, unterstützt von Sommerhitze und Gärprozessen,
langsam in die Teerdecke fraß, gehört zu ihren bleibenden
Kindheitserinnerungen – und die P³anzen, die sich zugleich
durch diese Lücken zwängten und so den zivilisierten Bodenraum
zurückeroberten. Dieses Phänomen beschreibt auch der
Historiker Vito Fumagalli, jedoch unter anderen Vorzeichen: Als
im frühen Mittelalter die römischen Städte und Bauten zerªelen,
war rasch wieder alles von Wäldern, Heideland und Sümpfen
bedeckt.
»Die Ruinen, die aus dem Heideland herausragten oder sich den
Menschen, die den Wald durchquerten, unvermittelt in den Weg
stellten, behielten einen sakralen Charakter, wenngleich mit
einem negativen, ªnsteren und feindlichen Anstrich. […] Laute,
Geräusche oder eisige Stille und Lichter in der Stadt zeugten
von ihrer oft augenfälligen, oft unter Erde, hohem Gras und
P³anzen verborgenen Anwesenheit.« *
In dieser Schwebe lässt Judith Egger auch ihre Installation
»Störfall«: Aus der Ordnung und der Zeit enthoben, wirkt sie wie
eine Störung unserer gesicherten Anschauungen und Vorstellungen
und verweist auf die Möglichkeit, manches auch anders
zu denken.

Kataloge
| Adidal Abou-Chamat | Gretta Louw |
| Benjamin Bergmann | Michaela Melián |
| Roland Burkart | M+M |
| Jutta Burkhardt | Edie Monetti |
| Federico Delfrati | Herbert Nauderer |
| Judith Egger | Olaf Nicolai |
| Alina Grasmann | Susanne Pittroff |
| Barbara Herold | Julian Rosefeldt |
| Ralf Homann | Philipp Stähle |
| Magdalena Jetelová | Angela Stiegler |
| Franka Kaßner | Tamiko Thiel |
| Lars Koepsel | Veronika Veit |
| Peter Kogler |