Höhle
2024

Installation, Video, Zeichnung
2024
Dazwischensein 8
DG Kunstraum München
Veranstaltung: Künstlergespräch mit Roland Wenninger,
wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator am Museum Villa Stuck, München
Installationsansichten der Höhle im DG Kunstraum, vom Aufbau im Garten und von der Höhle im Wald, 2024

Zwischen der Vorhang-Installation ‚Hemdchen‘ von Bettina Khano findet man den Eingang zur Höhleninstallation von Judith Egger im DG Kunstraum. Die Höhle hat einen Hauptraum von dem drei kleine Nischen abzweigen. Die Wände sind im Halbdunkel nur schwer zu sehen. Es riecht nach Erde und getrockneten Blättern. Die Künstlerin hat die Nischen mit verschiedenen Videoarbeiten und einer Installation bestückt. Wir entdecken mit Licht gezeichnete Wesen, die an Höhlenmalerei erinnern und uns vom Jagen, Sammeln, Feuer und Essensaufnahme berichten. Zu sehen ist aber auch der Prozess des Grabens eines echten Erdlochs im Wald am Staffelsee. Die physische Anstrengung wird ablesbar, man sieht wie viel Material abgetragen werden muss, damit man sich mit dem ganzen Körper in dieses Loch begeben kann. Es ist ein prozessuales Vorgehen. In einem dritten Video wird ein brennender Ast zum Kronleuchter der Höhle installiert und schwebt über einer Art Altar aus frischem Ton, der bei genauerem Betrachten die Form eines Muttermunds hat. Diese Installation besteht aus zwei Teilen, der eine ist die Höhleninstallation im DG Kunstraum, die aus Kokosmatten, Lehm und Metallstangen und Elektrorohren gefertigt ist. Die echte Erdhöhle befindet sich an einem verborgenen Ort im Wald und wurde einige Monate vor Ausstellungsbeginn von Egger gegraben.

Umhöhlt und von Dunkelheit umschlossen, Erdgeruch in der Nase, entzünde ich ein Feuer. Meine Wurzelhände wachsen tief, während der Geist weite Räume und Zeiten durchwandert bis zum Ursprung. Es drängt mich raus und ich lerne Tag und Nacht kennen, den Regen und die Energie der Sonne. Mir wachsen Blätter, Blüten und Früchte bis alles vermorscht und ich zurückkehre ins Dunkel, bereit für den nächsten Zyklus.

Höhlengedicht, Judith Egger 2024

Für die Entwicklung von Kunst oder Organismen ist Energie nötig, dies bringt uns zum zentralen Thema der Installation. Egger bezieht sich auf die Entdeckung des Feuers, die es dem Menschen ermöglichte, bedeutende evolutionäre Entwicklungsschritte zu vollziehen. Energie in Form von Wärme ist für viele Wachstums- und Wandlungsprozesse zentral und daher ein sehr passendes Element im Prozess des ‚Dazwischensein‘. Die Höhle kann als größerer Beutel, Schutzraum, ja menschliches Organ gelesen werden, auf jeden Fall wird in dieser Erdstätte gesammelt, verdaut und gebrütet. Ein Gefäß ob Beutel, Höhle oder auch der menschliche Magen, ermöglicht uns Nahrung aufzunehmen, zu sammeln oder wichtige Gegenstände aufzubewahren – dies ist eine große Errungenschaft am Anfang des Menschwerdens. In diesem Beutel nährt die Kunst. Damit knüpft die Künstlerin an die These von Ursula K. Le Guin in ,Am Anfang war der Beutel‘ an, dass der Speer – also die Waffe – nicht die erste Technologie des Menschen war. Diese Perspektive hebt das Kooperative, das Sammeln und das Pflegen über das Heroische und Gewalttätige. Für Le Guin ist der Beutel ein Symbol für Geschichten, die nicht auf Macht und Eroberung basieren, sondern auf zyklischen Prozessen, Fürsorge und Verbindung.

Eine weitere wichtige Überlegung, die in die Arbeit einfließt, ist die ‚cooking hypothesis‘ des Anthropologen und Harvard Forschers Richard Wrangham. In seinem Buch ‚Feuer fangen‘ versucht er nachzuweisen, dass die Aufnahme von gekochter Nahrung, dazu führte, dass sich die körperliche Gestalt unserer Vorfahren veränderte, das Gebiss und der Verdauungstrakt schrumpften und das Gehirn zu wachsen begann. Dies bedeutet, dass der Homo sapiens nur existiert, weil er das Feuer beherrschte und das Kochen entwickelte. Seitdem besteht eine Abhängigkeit von energieerzeugenden Substanzen. „Wir sind an die für uns adäquate Nahrung in gekochter Form gebunden, und die Folgen dieses Faktums durchdringen unser ganzes Dasein, vom Körper bis zum Denken. Wir Menschen sind (…) Geschöpfe des Feuers.“ R. Wrangham Eggers Installation zeigt die Entstehung des Neuen aus der Kombination der dunklen Höhle und Wärme, die uns mit unseren Ursprüngen verbindet.

Einführungstext zur Ausstellung, DG Kunstraum
Höhlengrabung im Wald bei Uffing, 2024
Selbstportrait, Fotografie, Judith Egger 2024

Der Körper ist und bleibt die Basis unserer Existenz. Deswegen habe ich die echte Höhle gegraben. Es ist wichtig für mich, das wirklich zu vollziehen, mir die Hände schmutzig zu machen, zu schwitzen, Blasen zu bekommen und von Schnaken zerstochen zu werden. Es geht darum, die Höhle konkret zu graben und mich dann reinzusetzen.

Judith Egger im Gespräch mit Roland Wenninger, 17. Oktober 2024
Höhle und Feuer, Skizze, Aquarell und Bleistift auf Bütten, 2024

Die Höhle ist weniger als Grube zu sehen, sondern als Keimzelle oder Transformationsraum, wobei natürlich im zyklischen Denken der Tod und der Verfall immer mitgedacht wird und ebenfalls die Basis bildet für das Neue. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Menschen sowie andere Lebewesen darauf angewiesen sind, sich in kollaborativen Netzwerken zusammenfinden, um den Herausforderungen des Anthropozäns zu begegnen. Judith Egger plädiert für eine neue Beziehung mit allem Lebendigen, welche nicht von Dominanz, Trennung und Unterwerfung geprägt ist, sondern vom Wissen über die gegenseitige Abhängigkeit und von tiefer Verbundenheit und Verantwortung. Damit möchte sie auch an unsere Wurzeln als Lebewesen erinnern – durch die zunehmende Digitalisierung, das Internet und alle dazugehörenden Medien leben die meisten Menschen parallel oder abwechselnd in zwei Welten – der digitalen, körperlosen und der analogen, materiellen Welt. In zunehmendem Maß verschiebt sich das Leben in den digitalen Raum, in dem unsere Körperlichkeit keine Rolle mehr spielt. So groß und aufregend die Vorteile dieser ‚Entkörperlichung‘ sein mögen, sind wir doch immer noch körperlich mit der einen Erde verbunden. Körper, die sich in ihrer Grundausstattung nicht stark von denen der ersten Menschen unterscheiden. Wir sind immer noch auf die Erdkrume, die Nahrung und die Witterung angewiesen und leben in Koexistenz mit allen anderen Organismen. Wir sind zutiefst mit dieser Basis verbunden. Nur im Bewusstsein darüber können wir neue Wege beschreiten, denn zum Menschsein gehört das vollständige Bewohnen unserer Körper.

Einführungstext zur Ausstellung, Teil 2, DG Kunstraum
Muttermund und Feuerleuchter, Installationsansicht, 2024, Foto: Gerald von Floris
Höhle, Skizze, Aquarell und Bleistift auf Bütten, 2023

Aber nach und nach gewöhnt sich das Auge dann an die Dunkelheit und man kann ein bisschen was erkennen. Ich war vielleicht eine halbe Stunde drin. Es war für mich ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit.
Ich finde, es ist eine Art Luxushöhle. Wenn ich mir es recht vorstelle, könnte eine Familie mit zwei Kindern komfortabel drin leben
.

Roland Wenninger im Gespräch mit Judith Egger, 17. Oktober 2024

RW: (...) Lass uns jetzt zu deiner Installation im DG Kunstraum übergehen, für die du eine Höhle gegraben – nein - gebaut hast. Ich habe sie bereits im Aufbaustadium gesehen. Und bei der Eröffnung war ich ziemlich lange im Inneren der Höhle. Das hat mich sehr berührt. Vom Eingangsraum schlüpft man durch eine niedrige, mit Gras verkleidete Öffnung in eine begehbare Höhle. Ich dachte nicht, dass es so stockfinster ist, wenn ich reingehe. Aber nach und nach gewöhnt sich das Auge dann an die Dunkelheit und man kann ein bisschen was erkennen. Ich war vielleicht eine halbe Stunde drin. Es war für mich ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit.
Ich finde, es ist eine Art Luxushöhle. Wenn ich mir es recht vorstelle, könnte eine Familie mit zwei Kindern komfortabel drin leben. Man erkennt drei Kojen, ich möchte jetzt fast sagen, es sind drei kleine Ausstellungsräume - Höhlenausstellungsräume.
Im ersten Raum links sieht man strichbewegte Zeichnungen, beispielsweise eine Frau die ihre Hände zur Erde runter neigt und dann wachsen aus den Fingern Wurzeln in die Erde. Wie Blitze geht es runter und sie kommen dann komischerweise oben wieder raus. Das irritiert mich. Dann sind Gedärme zu sehen, ein Gehirn, das größer und wieder kleiner wird und dann ist auch ein Mann zu sehen mit einem Speer …

JE
… es ist eine Frau, mit einem Speer, der Mann sammelt, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es sind Jägerinnen und Sammler in der Höhle zu sehen.

RW
Das ist also der erste Kojenausstellungsraum in der Höhle und dann kommt weiter hinten rechts ein Ort mit einer ganz besonderen Energie, er vermittelt etwas Spirituelles - vielleicht Religiöses. Die Skulptur am Boden aus feuchtem Ton ist ein Muttermund. Darüber sieht man einen brennenden Ast, den finde ich wunderbar: Es ist ein Motiv, das in der Kunstgeschichte des Öfteren auftaucht. Bei Anselm Kiefer spielt es in einer seiner frühen Arbeiten eine prominente Rolle (Anselm Kiefer, Mann im Wald, 1971, 174 x 189 cm, Acryl auf Baumwolle). Es ist ein Selbstportrait: Kiefer steht in einem langen, weißen Nachtgewand mit einem riesigen brennenden Ast in der Hand mitten in einem ausgetrockneten Nadelwald. Die Flammen des Astes züngeln bedrohlich nach oben, Die Situation ist gefährlich und komisch zugleich. Es treffen Dinge aufeinander, die eigentlich überhaupt nichts miteinander zu tun haben und bei den Nadelbäumen handelt es sich ausgerechnet um Kiefern.
In der dritten Koje deiner Höhle sieht man im Video, wie jemand eine Höhle gräbt: Zuerst blickt man in das Innere. Dann wird der Blick aus dem Inneren der Höhle nach Draußen geführt – Richtung Tageslicht und Blätterwald. Jetzt interessiert mich, Judith, wie du das Ganze gebaut hast. Du hast die Höhle ja in deinem Garten gebaut und das ist ja wie ein umgekehrter Prozess des Grabens. Wie bist Du denn auf das Thema der Höhle gekommen?

Roland Wenninger im Gespräch mit Judith Egger, 17. Oktober 2024
Höhleneingang, DG Kunstraum, 2024
Verwurzelung, Füller ins Skizzenbuch, 2023
Plakat zur Ausstellung, Design von Bernd Kuchenbeiser, DIN A0, ca. 80 x 120 cm, 2024
Höhle im DG Kunstraum Aufbau, 2024

Viele Assoziationen werden geweckt bei dem Höhlenthema, nicht nur Geburt und Neuanfang, auch das Sterben, das Zurückkehren in den Schoss von Mutter Erde, das zyklische Werden und Vergehen des Lebens, die Anfänge der Menschheit, die Höhlenmalereien, die Entstehung des Feuers durch Blitzeinschlag.

Zitat aus dem Artikel Meine Wurzelhände wachsen tief von Beate Zeller, Naturdialog 30. September 2024

Ausstellungen

2024
DG Kunstraum
kuratiert von Benita Meißner
Installation, Video, Zeichnung
München
11.10 bis 07.11.2024

Presse

2024
Meine Wurzelhände wachsen tief

Beate Zeller

natur dialog Netzwerk
Titel
Meine Wurzelhände wachsen tief
Art
Presse
Autor:innen

Beate Zeller

Erschienen
30-09-2024
Verlag
natur dialog Netzwerk

Kataloge

2025
Dazwischensein 1-9
Titel
Dazwischensein 1-9
Art
Katalog
Herausgeber:in
Benita Meißner, Dr.Ulrich Schäfert
Autor:innen
Design
Bernd Kuchenbeiser
Erschienen
01-10-2025
Verlag
Sprache
ISBN