Das unerforschte wilde Wesen
2018





Performance im Stadtraum sowie in der Peripherie. Kamera von Manuel Eitner, Diana Popova (2017) oder mit Selbstauslöser.
Das „unerforschte wilde Wesen“ ist ein Geschöpf, das Teil der Natur ist, aber am Rande der menschlichen Zivilisation lebt. In manchen Fällen verirrt sich das wilde Wesen sogar in die Stadt. Besonders in diesen Momenten ist es von seinem natürlichen Lebensraum abgeschnitten. Das wilde Wesen stellt einen Aspekt unserer Existenz auf verschiedenen Ebenen dar: Wenn wir im physischen Sinne völlig abgeschnitten von der Natur leben, verlieren wir den Kontakt zu unseren Ursprüngen. Wer von der eigenen inneren Lebendigkeit, von den kraftvollen Lebensenergien abgeschnitten ist, verwandelt sich in einen wandelnden Toten, wird ein zutiefst depressiver Mensch. Die Erkenntnis, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, auf Augenhöhe mit Bäumen, Steinen, Vögeln, verbunden und in gewisser Weise demütig, bewirkt eine viel gesündere Art zu leben. Sowohl für uns selbst als auch für den Planeten.
Text zum Projekt von Judith Egger
„Verloren wirkt dieser kleine Strohhaufen, wie er da versucht über die Straße zu kommen. Zögernd setzt er einen Fuß über die Bordsteinkante, um ihn sofort wieder zurückzuziehen. Es ist dunkel, es regnet, und der Fluß der Autos ist gnadenlos. Keine Chance ür das selstame Wesen auf zwei Beinen das da im Feierabendverkehr irrlichtert, als hätte ein sadistischer Gott es dort ausgesetzt. Man weiß nicht recht, ob man die zerzauste Kreatur niedlich oder unheimlich finden soll (...). Mal stapft das Geschöpf zwischen den Pfeilern einer Straßenbrücke, mal treibt es sich bei den Stämmen eines Holzlagers herum oder durchquert bei dichte, Schneetreiben einen Wald. Wie ein Tier, das auf der Hut ist, beobachtet von einem Jäger? Oder einem Naturfilmer? Von uns? Das Auge einer sehr stillen Kamera jedenfalls wahrt stets wohlwollende Distanz. „Es ist dieses unerforschte Wesen, dem ich versuche, nahezukommen, und das mir immer wieder entwischt“, sagt Judith Egger über ihre aktuelle Ausstellung „Lauschen und Lauern“. Seit Jahren betreibt die Münchner Künstlerin Feld- und Tiefseelenforschung, um auf etwas zu stoßen, das viele Namen hat: das Unkontrollierbare, Unkalkulierbare, Unbekannte, Unbeherrschte.
Jutta Czegun, aus dem Artikel “Das Wilde in uns”, Süddeutsche Zeitung, 7.12.2019

Haben wir uns nicht schon längst von der Natur entfremdet? Wie viel Wildes ist in uns noch vorhanden? Ist uns bewusst, welche Anteile des Instinkthaften, Unergründlichen durch die Zivilisierung in uns verloren gegangen ist? Wie finden wir zu einer lebendigen, gesamtheitlichen Wahrnehmung des Existentiellen zurück?

„Es ist dieses unerforschte Wesen, dem ich versuche
nahezukommen, und das mir immer wieder entwischt“

Ausstellungen
kuratiert von Dr. Daniela Rippl, Ruth Geiersberger & Prof. Dr. Dr. Gabriele Brandstetter
kuratiert von Laura Sánchez Serrano
kuratiert von Werner Mally
kuratiert von Diana Popova
Presse
Jutta Czeguhn
Jutta Czeguhn