*1973
1992 – 1993
Apprenticeship as a wood sculptor, Oberammergau
1993 – 1997
Studied communication design, Augsburg University of Applied Sciences & Lancashire University in Preston, England
1999 – 2001
Master of Arts, Royal College of Art (RCA), London
2006/2007
Artistic director of the international EU project ‘open-here’
Artist statement
My childhood took place in a time capsule in the Bavarian Alpine foothills without television, with only classical music and lots of books from the 19th century. My parents loved to spend hours every weekend hiking cross-country in nature, and much to my annoyance, we often lost our way.
Now I do the same thing.
When I was 12, they took me to an exhibition by Jean Tinguely in Munich. When I saw these huge kinetic monsters made of old machine parts and animal skulls, I immediately realised that this was exactly what I wanted to do with my life. It took much longer than expected to realise this insight, but Tinguely, nature and later also the critical examination of scientific thinking (my father was a meteorologist) are important influences on my work.
My art is very physical, which is why I can best express many of my ideas through performance. Body covers made of grass, prostheses made of branches or a frame with whirlwinds enable me to connect with the world in a new way.
Cv
Judith Egger's education was marked by contrasts: she learned wood carving in Oberammergau, then moved via Augsburg to London, where she studied art, design and communication. Since then, she has steadily expanded her artistic spectrum, which ranges from performance, video and photography to ceramics, objects, drawings and installations. Uncontrolled organic growth, parasitic organisms and radical transformation have long been part of her areas of research. At the centre of this is always an obsession with the driving force of life that is inherent in every organism and which, ultimately, humans cannot control. Egger advocates a new relationship with all living things, one that is not characterised by dominance, separation and subjugation, but by an awareness of mutual dependence and deep connection.
Science and art
Coming from a family of scientists, Judith Egger founded the anarchic ‘Institute for Hybristics and Empirical Penile Research’ in 2004. The institute became a kind of research laboratory where she found the theme for her further work: the artistic representation and expression of uncontrollable life force, or élan vital. This resulted in a large number of works, including the play Vor der Imago-die letzte Häutung (Before the Imago—The Last Molting, 2006), the installation Biotopie (2005), and the performance grüne Erde (Green Earth, 2008).
When she was invited in 2015 to submit a project proposal for the first interdisciplinary art prize zwei:eins, she developed the project proposal Ursprung/Origins – eine Versuchsannäherung über die Selbstorganisation der Materie und Entstehung des ersten Lebens auf der Erde (Origin/Origins – an experimental approach to the self-organisation of matter and the emergence of the first life on Earth) in cooperation with systems biologist Prof. Dieter Braun (LMU Munich).
The proposal was accepted, and over a period of more than a year and a half, Judith Egger developed an exhibition of the same name in dialogue with Prof. Dieter Braun, which was shown at the whiteBOX in Munich in 2017. In 2018, she presented the project at the TEDxTUMSalon at the Deutsches Museum.
Awards
Press
Roberta De Righi
Charlotte Borst
Charlotte Borst
Beate Zeller
Beate Zeller
link zum Artikel https://natur-dialog.org/2024/09/30/meine-wurzelhaende-wachsen-tief/
Miguel Cereceda
Jutta Czeguhn
Jutta Czeguhn
Danielle Cruz
Danielle Cruz
link zum Artikel
Erika Wäcker-Babnik
Erika Wäcker-Babnik
Judith Egger: Wildnis, Wald und wir
Die Münchnerin Judith Egger untersucht, ob und wie sich in der Zivilisation Verbindungen des Menschen zum Unkontrollierbaren und Unbestimmbaren aufnehmen lassen.
Die Übereinstimmung von Ort und Ausstellung könnte nicht passender sein: Ein Kunstprojekt, das das Spannungsfeld von »Wildnis und Zivilisation« befragt, wird an der Stelle in München gezeigt, die wie keine andere im Spannungsfeld von »Unort« und »Edelmeile« liegt. Die Unterführung Maximilianstraße–Altstadtring mit dem MaximiliansForum ist ein wahrlich wilder Ort im Großstadtdschungel – ausgerechnet unter der Straße, wo sich die Zivilisation von ihrer dekadentesten Seite zeigt. Noch immer wuchert dort halbtotes Grün auf den ehemals bepflanzten Rolltreppen. In Judith Eggers Installation »Lauschen & Lauern« setzt sich das Unbehagen der unwirtlichen Untergrundpassage in einem befremdlichen Setting fort. Durch die spiegelnden Scheiben der zweigeteilten städtischen Schauräume blickt man in eine kulissenartige Inszenierung: Blattwerk, Rinde und Holzstämme deuten in der düsteren Betonbox einen Wald an. Ein Hochstand aus Brettern suggeriert das Lauern auf eine Reihe skurriler Geschehnisse, die auf improvisierten Videodisplays zu sehen sind: Da stolpert ein strohartiges Wesen durch den winterlichen Wald und tappst schließlich durch die Straßen Münchens, wo es sich im rauchenden Verkehr zurechtzufinden sucht. Ein Wilder in der Zivilisation?
In einem anderen Video, »Transmission Wood«, wandert eine Gestalt – bei allen filmischen Figuren ist es immer die Künstlerin selbst – durch das nächtliche Paris. Ihre Mission ist es, mit den letzten Zeugen der »Wildnis« in der Stadt, den Bäumen, Kontakt aufzunehmen. Dazu hat sie sich ein antennenartiges Gebilde aus Ästen umgeschnallt, mit dem sie die wenigen pflanzlichen Relikte am Straßenrand aufspürt und kontaktiert. In »Transmission Waves« wiederum sitzt die Künstlerin in den Wellen und spürt mit langen Angeln, die tentakelartig aus ihrem Kopf wachsen und an denen Mikrofone hängen, den Tönen des Meeres nach.
Der Lauschangriff auf die Stimmen der »Wildnis« – das Knistern der Bäume und das Rauschen der Wellen – werden in die Passage übertragen und mischen sich mit den Tönen der Zivilisation: dem dumpfen Verkehrslärm, der von der Kreuzung in die Unterführung dringt. Für die Botschaft, die sie mit den ziemlich schräg anmutenden performativen Aktionen transportieren möchte, greift Judith Egger (*1973) wissenschaftliche und philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Natur und Kultur, von »Wildnis und Zivilisation« auf. Schon lange beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Ergründen unerforschter naturhafter Phänomene. Aus einer Familie von Wissenschaftlern stammend liegt ihr das Prozesshafte und Experimentelle wie auch das Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst.
So befasste sie sich für ihr aktuelles Projekt mit den Theorien des Philosophen Andreas Weber, bei dem sie »die ideelle Trennung von Mensch und Umwelt, Kultur und Natur als Keim einer tiefgreifenden Entfremdung« formuliert findet. Webers Essay »Indigenialität« wurde im Rahmen der Ausstellung präsentiert und diskutiert. »Indigenialiät heißt, sich als aktiven Teil eines sinnvollen Ganzen zu verstehen und so zu handeln, dass die eigene Lebensqualität die des Ganzen steigert«, so Weber. Haben wir uns nicht schon längst von der Natur entfremdet? Wie viel Wildes ist in uns noch vorhanden? Ist uns bewusst, welche Anteile des Instinkthaften, Unergründlichen durch die Zivilisierung in uns verloren gegangen ist? Wie finden wir zu einer lebendigen, gesamtheitlichen Wahrnehmung des Existentiellen zurück? Mit ihrem Projekt »Lauschen & Lauern« schickt Judith Egger sich und die Ausstellungsbesucher auf die Pirsch. ||
Jutta Czeguhn
Jutta Czeguhn
Tobias Stosiek
Tobias Stosiek
Radiobeitrag
Natalie de Ligt
Natalie de Ligt
Interview by Olympia Contopidis and Joshua Groß (Iinstitut für moderne Kunst Nürnberg) with Jenny Schäfer (artist) und Judith Egger
Interview by Olympia Contopidis and Joshua Groß (Iinstitut für moderne Kunst Nürnberg) with Jenny Schäfer (artist) und Judith Egger
Artikel von Cécile Olshausen
Artikel von Cécile Olshausen
Haarige Angelegenheit: Künstlerinnen bauen ein klingendes Urviech
Das Etwas «Hundun» entspringt der chinesischen Mythologie. Die Künstlerinnen Neele Hülcker und Judith Egger haben es an der Münchener Biennale für neues Musiktheater zum Leben erweckt. «Hundun» ist halb Skulptur, halb Instrument – und vor allem verstörend. Hundun heisst das Viech. Es ist struppig, borstig, schwabbelig – und es klingt!
Sechs Meter lang, 2,5 Meter breit und drei Meter hoch. So schwebt es über dem Boden, ohne Kopf und ohne Schwanz, ein amorphes Wesen, das Töne von sich gibt, eben: Hundun.
Eine klingende Installation
Hundun lebt vorübergehend in der Muffathalle in München. Die Muffathalle ist ein ehemaliges Kraftwerk, heute Kulturzentrum mit Biergarten am Ufer der Isar.
Die bildende Künstlerin Judith Egger und die Komponistin Neele Hülcker haben das Ding hier zum Leben erweckt, als klingende Installation während der Münchener Biennale für neues Musiktheater (28.5. – 9.6.2016). Die Idee: Ein Kunstwerk zu schaffen, das sowohl visuell als auch musikalisch überzeugt.
Strohhalmen, Bürstenborsten, Styropor
Während der halbstündigen Performance ist es im Saal dunkel, nur Hundun ist beleuchtet. Neele Hülcker und Judith Egger umrunden ihre Kreation. Wie Höhlenforscherinnen sehen sie aus: Auf dem Kopf ein Helm, daran befestigt eine Stirnlampe, aber auch eine Videokamera und Mikrophone. Ihre Körper sind von oben bis unten verkabelt. Die Kamera nimmt von extrem nahe die Oberfläche von Hundun auf und überträgt die Bilder auf Videobildschirme, die im Raum verteilt sind.
Wie unterm Mikroskop vergrössert sieht man Hunduns Haut: Sie besteht aus Strohhalmen, Bürstenborsten, Verpackungschips aus Styropor, Plastiklöffeln und vielem mehr – Verbrauchsgegenstände aus unserem Alltag, die mit Geigenbogen, Fingern, Holzstäben und anderen Utensilien zum Klingen gebracht werden. Diese Töne wiederum werden mit den Mikrofonen aufgenommen. Das Publikum spaziert um das Megaviech herum und hört die Hundun-Klänge über Kopfhörer – ganz nahe, im eigenen Kopf. Eine intime Begegnung mit Hundun.
Der chinesischen Mythologie entsprungen
Hundun war nicht von Anfang an Hundun. Seinen Namen bekam er erst im Verlauf des künstlerischen Prozesses. Zuerst war da einfach nur eine hängende Form. Je länger Judith Egger an ihr arbeitete, umso stärker kam Hundun hervor. Hundun entstammt der chinesischen Mythologie. Er ist ein gütiger Herrscher und steht für die Materie vor dem Beginn der Welt, also für die weder durch Zeit noch durch Raum definierte Materie: eine amorphe Masse, ohne eine einzige Körperöffnung. Und Hundun ist der Sage nach ein ausgesprochen beliebter Gastgeber. Als Dank für seine Gastfreundschaft, bietet man ihm eines Tages an, ihm an sieben Tagen sieben Löcher in seinen Körper zu bohren. Hundun ist hocherfreut und nimmt das Geschenk an. Doch am siebten Tag beim siebten Loch stirbt er.
Urviech
Eine verstörende Geschichte. Neele Hülcker und Judith Egger erzählen sie nicht nach, sie ist aber im Hintergrund immer präsent. Mit hochtechnologischen Mitteln schaffen die beiden Künstlerinnen Hundun eine musiktheatralische Szene. Lassen ihm dabei aber seine archaische Urkraft und geheimnisvolle Ausstrahlung, ein Spiel zwischen Hightech und Märchen. Die Begegnung mit Hundun führt unseren modernen Alltag mit unserer Fantasiewelt auf raffinierte Weise zusammen.
Martin Bürkl
Reinhard J. Brembeck
Ein Resümée der Münchner Biennale für Musiktheater
Reinhard J. Brembeck
Ein Resümée der Münchner Biennale für Musiktheater
Egbert Tholl
Markus Thiel
Markus Thiel
Interview von Jutta Czeguhn
Interview von Jutta Czeguhn
Viktoria Grossmann
Texts
Stephanie Gilles M.A.
Stephanie Gilles M.A.
Einführung von Stephanie Gilles M.A. anlässlich der Kunstnacht 2025
Judith Egger- Susanne Thiemann
Zeichnung- Skulptur
hängen · stehen · liegen
Madonna, meine Damen und Herren, die „Queen of Pop“, hielt anlässlich der Verleihung des Billboard Awards „Woman of the Year“ im Jahr 2016 eine Rede. Die meisten Männer fanden sie unglaublich und schüttelten den Kopf ☹. Die meisten Frauen fanden sie unglaublich und nickten ihr zu 😊.
Madonna beschreibt darin die unfairen Regeln, denen Frauen auch heute noch unterliegen, erzählt von ihren eigenen Erfahrungen mit Widerständen und Vorurteilen und macht klar, wie wichtig das mutige, sichtbare Einstehen für die eigene Stimme ist. Sie ermutigt, ja beschwört geradezu die Frauen, gegen gesellschaftliche Erwartungen zu opponieren, für weibliche Selbstbestimmung einzutreten und so eine Brücke in die Zukunft zu schlagen – als Wegbereiterin und Vorbild für die nächste Generation von Mädchen und Frauen.
Als ich diese Ausstellung im Gotischen Stadel Anfang der Woche zum ersten Mal sah, erinnerte ich mich unmittelbar an diese Rede. Denn hier hängen, stehen und liegen Arbeiten, die zeichnerisch wie skulptural ähnliche Erfahrungen berühren und weitertragen – nur nicht in der Radikalität, mit der Madonna ihre Botschaften formulierte, sondern subtil, tastend, forschend, und gerade bei Judith Egger immer auch gewürzt mit einer kräftigen Prise Humor.
„Sichtbarkeit ist für mich ein politischer Akt: feministisch, vielschichtig, frei. Meine Arbeiten verweben Geschichte mit Zukunft – tastend, suchend, nie abgeschlossen.“ Diese Aussage von Susanne Thiemann lässt sich ebenso auf Judith Egger beziehen. Sie fasst zusammen, was diese Ausstellung im Kern trägt: eine feinsinnige Korrespondenz zwischen Eggers Zeichnungen und Thiemanns Flechtarbeiten. Kein im Vorfeld ausgeklügeltes Programm, sondern ein Einverständnis, das sich während des Entstehens im Gotischen Stadel unvermittelt offenbarte – aufleuchtend wie ein Aha-Moment.
Gerade in dieser leisen Übereinstimmung entfalten sich feine Analogien zwischen skulpturaler und zeichnerischer Gestaltungskraft – mal subtil verborgen, mal offensichtlich. Das Ergebnis ist eine gemeinsame Sprache, die überraschend, vielschichtig und von großer Kraft ist.
Seit 2001 flicht Susanne Thiemann Skulpturen aus Kunststoffschläuchen, die sie als Restbestände aus den 1970er-Jahren in einer Lagerhalle entdeckte. Sie knüpft damit an die Tradition der Soft Sculptures an, die Künstlerinnen wie Yayoi Kusama in den 1960er-Jahren populär machten und für die heutzutage geradezu ikonisch die Textilkünstlerin Sheila Hicks stehen kann.
Die diesen Soft Sculptures zugrunde liegende Arbeitsweise setzt auf flexible Materialien und löst sich damit von den klassischen Vorstellungen des Modellierens oder Schnitzens. Sie eröffnet völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten . Das entspricht Susanne Thiemann besonders, speist sich doch ihre Inspiration in hohem Maße aus der ursprünglichen Ausbildung zur Korbflechterin.
Was in der Flower- Power- Zeit als Material für bespannte Gartenstühle diente, verwandelt die Wahlmünchnerin heute in Kunstwerke. Durch ihr Upcycling haucht sie dem Kunststoff neues Leben ein und überführt Vergangenes in eine neue Daseinsform.
Im Arbeitsprozess leitet Thiemann ihre Figuren, ohne sie in eine starre Form zu zwingen. Die Materialität der Schläuche folgt eigenen Gesetzen: Die Skulpturen drehen und wenden sich, sacken ein oder richten sich unvermittelt wieder ein wenig auf. Sie entwickeln ein Eigenleben – frei, manchmal provokant, nicht selten an weibliche Körper erinnernd und stets von einer leisen Verletzlichkeit durchzogen.
Es entstehen amorphe Gebilde in Rot, Weiß oder Schwarz, elegant und geerdet, neben bunt gestreiften Objekten wie der frei schwebenden Arbeit „Hang-on“, die in Farbe und Bewegtheit pralle afrikanische Lebensfreude assoziiert. Ebenso finden sich abstrahierte Wandarbeiten: kissenartige, fransige Objekte, deren geheimnisvolle Fremdheit eine Ahnung von Wissen in sich trägt – vergleichbar dem „Hut“ im Kleinen Prinzen, der sich dem phantasievollen Blick als etwas gänzlich anderes offenbaren wird.
All diese textilen Schöpfungen sind horizontal und vertikal verflochten. Sie bilden Haarschöpfe und Zipfelröcke, greifen schlingpflanzenartig aus. Manche hängen von der Decke, andere wachsen aus dem Boden: Hüllen, Kokons, Seelenverstecke, aus denen man sich herauswinden kann, in denen man gefangen bleibt – oder aus denen man sich befreit, indem man den Schlauch zum Tanzkleid erklärt.
Es ist ein Spielen und Wogen, das diese Figuren – zumal im Zusammentreffen auf engem Raum – eingehen. Die einen geerdet, die anderen befreiter, streben sie alle selbstbewusst in die Höhe wie eigenständige Wesen mit klarer Haltung.
Und zwischen diesen aus endlosen Kunststoffschläuchen geflochtenen Skulpturen spitzen vorwitzig kleine und große Papierarbeiten von Judith Egger hervor. Auch sie feiern die Weiblichkeit, die Kraft und Energie, die Frauen aufbringen, um das Leben zu verstehen und selbstbestimmt zu gestalten.
„Druck-Stellen“ nennt Judith Egger diese, ihre jüngsten Arbeiten. Während sie bis vor kurzem Objekt und Installation, Video und Performance den Vorrang gegeben hat, ist diese seit rund sechs Monaten währende Schaffensphase geprägt von subtil hintergründigen, unmittelbar und mitunter wütend anmutenden Zeichnungen, die jedoch nie ins Destruktive abgleiten.
Vielmehr findet die Künstlerin auch in ihren neusten Zeichnungen Wege, die Essenz des Menschlichen herauszuschälen, das Wunderbare neben das Bekannte, das Phantastische neben das nüchtern Nachvollziehbare zu setzen – und so die Wahrnehmung der Betrachterinnen und Betrachter aus dem Gleichgewicht zu bringen, ja geradezu durchzuschütteln.
Und so wuchert in den zeichnerischen Arbeiten dieser Ausstellung kraftvoll Lebendiges, das sich krakengleich im Leben verheddert oder vor Wut Klangschalenkörper hervorbringt, das zerfließt, sich versteckt oder von innen heraus leuchtet. Nichts ist eindeutig, und doch aktiviert Judith Egger gerade dadurch den Geist des Betrachters und beschert ihm ein Synapsenfeuerwerk, das seinesgleichen sucht.
Ihr Gestalten ist ein intuitiver Prozess, der den Dingen ihren Lauf lässt und von einer geduldigen Neugier getragen wird. In ihren Zeichnungen dehnt sich die Kraft des Lebens, breitet sich aus, wuchert, sackt in sich zusammen, droht zu vergehen, ist suchend, findet einen Weg – und führt uns so immer wieder die wesentlichen Fragen nach den Grundlagen unseres Daseins und den Bedingungen unseres Zusammenlebens vor Augen.
Spontan, unmittelbar, ohne Titel – die Arbeiten von Judith Egger sprechen in ihrer Direktheit weniger den Verstand an als die innere Wahrnehmung. Sie sind, wie Ramuntcho Matta treffend feststellt, voller Spannung, Abenteuer und Humor. Ihre „formalen Angebote stellen niemals Bewertungen dar, sondern legen Spuren, die uns den Weg zu neuartigen Empfindungen weisen.“ *
Und da Matta außerdem bemerkt, sich mit Worten auszudrücken gleiche dem Versuch, eine Wolke fangen zu wollen, schließe ich meine Ausführungen an dieser Stelle lieber und überlasse Sie Ihrem Sehnerv und Ihrem Solarplexus.
Eine weiterhin vergnügliche Kunstnacht wünscht Ihnen das Team der Neuen Galerie!
* Ramuntcho Matta, in: Katalog "Matter", Verlag für moderne Kunst, 2016, S.88f.
Dr. Ulrich Schäfert
Dr. Ulrich Schäfert
2024 PASCHAL CANDLE IN ST. PAUL’S CHURCH
BY JUDITH EGGER
Judith Egger has created the 2024 Paschal (or Easter) candle for St Paul’s Church in the form of a tapering spiral. The artist, who comes from a family of scientists, explores the interrelationships of life in her art. She extends her reflection on reality into a realm which cannot be expressed in words: the miraculous.
The Paschal candle she has created can be interpreted as a meditation on time and life. In formal terms, the tapering spiral suggests the passing of time in both a linear and a cyclical sense: in the course of our life we revisit similar aspects and experiences at different times and levels.
While researching potential designs for the candle, the artist came across medieval “candle clocks”, also known as “hour candles”. Such candles, developed primarily to mark prayer times in monasteries, indicated the passing of time as they burned down. They often featured a scale showing the amount of time elapsed, and some also included metal inserts, with weights or bells attached, incorporated into the candle wax. Once the candle had burnt down to these metal objects, they fell onto a metal plate, making a loud noise. This rendered the passage of time audibly perceptible.
Here, as in the artist's other works, she uses the candle clock as a tangible and highly sensuous means of expressing the essence of life. Judith Egger removed wax from the top of an ordinary Paschal candle which she then returned to expand the bottom, before working small gold nuggets and thorns into the wax. The thorns and the small pieces of gold fall one by one out of the wax as the candle burns. They are caught by a metal plate integrated into the candle holder, creating a soft, metallic “plink”. With a bit of luck, you may actually hear this if you listen carefully. They have been inserted at random levels and it is not possible to predict exactly when they will fall out. This process can be inter-preted symbolically. Life itself is shot through with thorny and golden moments – and it is impossible to predict exactly when a golden and when a thorny moment will come along.
“There is a time for everything, and a season for every activity under the heavens: a time to weep and a time to laugh, a time to mourn and a time to dance.” (Ecclesiastes 3:1–4)
This progression through life is vividly illustrated by the flickering light of the self-consuming candle as it burns.
The crown of thorns and stigmata represent Christ’s suffering; stigmata arranged in the shape of a cross are found on conventionally designed Paschal candles. Gold is also an ancient symbol of the divine light that transforms the world. The transformation of life as expressed through the resurrection of Jesus Christ is at the centre of the Christian celebration of Easter. This is what the Paschal candle symbolises.
PS: The larger gold nuggets are not actually gold, but gold-plated tin. However, very small, real gold nuggets from Alaska – albeit of very low value due to their small size – have also been incorporated deep in the candle.
Erzdiözese
Marion von Schwabowsky
Marion von Schwabowsky
"The Wind Blows" – the wind blows, and it blows in the new. "The Wind Blows" is a fitting title for the first exhibition of Boutwell Schabrowsky's 2021 program, featuring two extraordinary artists: Judith Egger and Susanne Thiemann.
Susanne Thiemann crosses borders. Coming from an artistic family, she was drawn to craft - the "making of things". She became a basket weaver. As a practising artist for the last 20 years, her craft has given her a platform and a recurring starting point. And so it is only on closer inspection that one discovers that all of her sculptures and objects are woven works that are lovingly detailed.
The material has been an accidental discovery. It is original plastic tubing from the 1960s and 1970s that was used to produce garden chairs and sun lounges. This elastic and smooth material has an enormous significance for Thiemann. It stands for her "Sturm-und-Drang" period and precisely that era, in which revolutionary energy and protest were in the air. A young generation and the new art wanted to change old thought patterns in order to reach new horizons. New materials, new forms of expression and new themes were explored. The transformation was enormous.
This openness and joy of experimentation is still part of Susanne Thiemann's attitude to life and thus of her artistic working process. Chance plays an enormous role in all her works. Thus it is the "hand of gravity" that models curves and bulges. As a result, the works have something immensely pleasurable about them, appearing soft and tactile. You just want to touch them!Thiemann's works are almost real characters in their own right with a powerful personality. Whether they stand or hang from the ceiling...they are immensely present, occupy the space, are autonomous, stubborn and individualistic. With them, the artist performs a skilful balancing act in which opposites are interwoven in a completely harmonious way: craft and art, sensuality and calculation, grandeur and lightness, organic and artificial , lush and reduced, sensual and conscious. Well, opposites attract. And then there is suspense, and suspense is the opposite of lax and lethargic.
'Suspense' is the keyword that takes us to Judith Egger. The Munich-based artist began in a very classical way: she moved to Oberammergau and came back as a wood sculptor, only to move on to London to study art, design and communications. Since then, she has steadily expanded her artistic spectrum: it ranges from performance to video and photography to comic books, ceramics, objects and installations ...not to forget: drawings. The gallery is showing a selection from the series "Dark Collages". Judith Egger is like a system of satellites orbiting around a central theme, namely 'energy'. Not just any physical unit. No, she is interested in the primordial energy. This pure energy that flows through everything that exists ... that gives life the initial spark so that it begins to breathe. This all-encompassing, pure energy fascinates Judith Egger because it is in all of us and drives us like an engine. The vital, creative, visionary element in us is given the spark it needs to enter the world.
Judith Eggers' cartoon-like drawings, spiced with a good pinch of the legendary 'dark humour' of the British, tell of this power. Amorphous masses swell, swell and push in all directions to grow and develop. But it is not easy for them - geometric structures put up quite a fight against the developmental urge of the bulging mass of life. They set the direction and keep the untamed 'life force' in check. The vitality of life is increasingly disappearing from our society. Judith Egger observes this development attentively, in which life is more and more constructed and controlled, but less and less lived. The artist's observations flow into works that are often carried by a delightful irony. Her "insect hotels" are a fine example. The source of inspiration was the local DIY stores in and around Munich. Various models of such a so-called insect hotel can be purchased there. "Interesting", says Judith Egger, a certain ambiguity caught her eye here. Perfectly styled gardens, in which a privately motivated land consolidation is carried out, in which flora and fauna do not feel welcome. And that is why one puts such an insect hotel in the garden to offer "nesting aids" to wild bees and ladybirds. "Environmental protection is 'in' and we're in" is the motto. It's a shame that most of these nesting aids are not visited by the beneficial flying and crawling creatures, because they simply do not meet their natural needs. Against this background, Judith Egger's advertisement for her versions of an insect hotel is to be understood with irony through and through.
Deluxe Insect Hotel - "Are you an insect looking for a special place to relax? The Deluxe Insect Hotel and the Bio Insect Hotel offer you relaxation and wellness at the highest level. Our offers range from bungee jumping, beach volleyball, day spa to full five-star cuisine. We will be happy to provide you with a non-binding offer.”
Rainer Gruber
Rainer Gruber
Liebe Judith,
beeindruckend,
die Montage deiner beharrlichen, stummen
und doch fordernden Anwesenheit
in diese fremde Natur hinein, so fremd,
daß ein Gleichgewicht entsteht,
hier bist du, hier bin ich,
ein neugieriges Belecken,
nicht die Natur ist das Geheimnisvolle, sondern
du mit deinen Spinnenantennen,
die Fischerin, die sich der Netze entledigt hat, und -
kleine Schwester der Gravitationswellenhorcherin LISA -
das alicanteske Universum, nein,
nicht erforscht, zu sich selbst auflaufen läßt.
Selten habe ich ein Meer so offen, so entgegenkommend erlebt,
und das, weil du in deinem nichtswollenden Dasein
so präsent und unverrückbar du bist,
in der Ruhe deiner künstlerischen Schwellkraft angekommen,
als Parasit zum Gegenpol des Parasitären aufgelaufen.
Meine Forschungen zeigen, daß die Natur,
die die Naturwissenschaften hypostasieren,
nurmehr ein Fetisch ist,
die Physik nurmehr ein Nachzeichnen der Physiognomie eines Raumkonzepts,
das es den Physikern ermöglicht,
die Bedingung der Möglichkeit des Messens mathematisch zu kodieren.
Mathematische Strukturen des konzipierten Raumes bieten sich an,
sie als physikalische Objekte zu identifizieren;
die Invariante dieses Raumkonzepts -
das, was sich stets gleich bleibt in aller Bewegung -
im selben Atemzug identifiziert als die Wechselwirkung,
der die Objekte unterliegen und die sie uns
als physikalische Objekte erkennbar werden läßt.
4 Raumkonzepte unterschiedlicher Art konstituieren
Episteme der Physik, erzeugen die je unterschiedlichen Objekte
samt ihrer je unterschiedlichen Wechselwirkungen.
Jahrhundertelange schweißtreibende Forscherarbeit
hat diese Raumkonzepte konstituiert als Grundlage
der Herausbildung der Allgemeinen Relativitätstheorie,
der Elementarteilchentheorie, der Quantentheorie und
der klassischen Physik, mit deren kontravarianten Messgrössen
die kovarianten Variablen des jeweiligen Raumkonzepts
identifiziert werden als Voraussetzung und Krone des Erfolgs.
Es ist diese 1:1 Identifikation, die der Physik ihre
beeindruckende Potenz der Vorhersage verleiht.
Es ist die mathematische Konsistenz des Raumkonzepts,
die der resultierenden Theorie Überzeugungskraft verleiht,
und es sind die gelungenen Suchbewegungen der Experimentalphysiker,
die die Bedingung der Möglichkeit des Messens - das Raumkonzept -
ausmessen und so das Weltbild und die blendenden Erfolge der Physik
konstituieren.
Ich liebe deine Arbeit sehr,
deinen inzwischen so selbstsicheren Sprung ins Ungewisse,
das Phantastische deiner so erdgebundenen Phantasie.
Deine Angeln erscheinen mir als Zwilling der Suchbewegungen
der Experimentalphysiker im Anrauschen der Erscheinungen,
deine den Wassern entgegengesetzte selbstkonsistente Erscheinung als der
zum Objekt einer Wahrnehmung geronnene blendende Fetisch,
den die Schwellkörperforschung konstituiert,
nicht unähnlich der ihrer Tätigkeit unbewußten physikalischen Theorie.
Und so umarme ich dich, in großer Zuneigung
und gespannt auf deine weiteren Eskapaden in Niemandsland!
Rainer

Pfarrer Gerson Raabe
Pfarrer Gerson Raabe
„Du bist unser Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Welt geschaffen wurde, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Berühmte Worte. Worte, mit denen der Psalm 90 eröffnet wird. Seit Tausenden von Jahren ist das das Bekenntnis zahlreicher Menschen gewesen: „Du bist unsere Zuflucht für und für.“ Viele Menschen haben in den unterschiedlichsten Situationen und Momenten
Zuflucht bei ihrem Gott gefunden. Dann, wenn sie nicht mehr weiter wussten, dann haben sie ihre Zuflucht zu Gott gesucht. Dann, wenn es zu gefährlich wurde, wenn sie sich bedroht und bedrängt fühlten, dann haben sie sich zu Gott geflüchtet. Dann, wenn sie einsam und ohne Rat waren, dann haben sie bei Gott einen Verbündeten gesucht, dann haben sie bei Gott Rat gesucht.
Er war ihnen eine vertraute Zufluchtstätte. War ihnen Anker in der Not, Hoffnung in der Verzweiflung. Zu ihm sind sie gekommen, Jung und Alt,
Reich und Arm. An ihn haben sie sich gewandt, haben nach ihm gerufen, ihn um Beistand und Begleitung gebeten. Er war ihnen Hilfe und Trost,
Geborgenheit und Schutz, ist mit ihnen gegangen, hat sie begleitet, war um sie und hat sie behütet und bewahrt, aufgerichtet und gestärkt.
Shelter – einige Äste, etwas Reißig, ein bisschen Moos, alles Naturmaterialien – Shelter – Zuflucht, Schutz, Unterschlupf bis hin zu Asyl –
Shelter, so heißt die Arbeit von Judith Egger, die wir augenblicklich hier in der Erlöserkirche zeigen. Fast wie ein Nest. Ein Zufluchtsort, etwas wo ich mich geborgen fühlen kann. Wo ich zuhause bin. Wo ich Schutz und Geborgenheit erlebe und erfahre.
Wo ist unser Nest? Wo ist für uns Trost und Geborgenheit? Wohin wenden wir uns hin, wenn wir Beistand und Begleitung suchen? Wo ist unsere
Zuflucht? Wenn wir nicht mehr weiterwissen, wenn wir Schutz suchen, dann ist es für den religiösen Menschen doch Gott, an den man sich wendet – oder? „Zuflucht ist bei dem alten Gott“, so steht es im Alten Testament. Und so bezeugt es der Psalmist: „Gott ist meine Zuflucht“, „Lass mich Zuflucht haben unter deinen Fittichen“, „Zu dir habe ich Zuflucht“. Und der Prophet bekennt, dass „der Herr die Zuflucht ist in der Not.“ Das waren die Erfahrungen etwa eines Davids, eines Jeremia, eines Jona und eines Daniel, das Gott ihre Zuflucht war in der Not. Eine Hilfe in schwierigen Zeiten und Schutz und Trost in Gefahr.
Zwar war Gott immer auch der Heilige. Gott hatte etwas Unnahbares. Als Mose verlangte, Gott zu sehen, sagte Gott zu Mose: „Ich werde an dir
vorübergehen und damit dich meine Heiligkeit nicht verzehrt, werde ich dich in eine Felsspalte stellen und meine Hand über dich legen.“ Und er ging vorüber und legte die Hand über ihn, um ihn vor seiner Heiligkeit zu schützen. Und Mose hat hinter ihm hergesehen, dem vorbeiziehenden Gott. Mose hatte das Nachsehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber er war auch der Verlässliche, derjenige, mit dem zu rechnen war. Der
es gut mit den Menschen meinte und der sich erwies, in der Auseinandersetzung und im Streit. Er war der, der einen Menschen
beschützte, der die Hand über einem hielt, damit ihn die Sonne des Tags nicht stach noch der Mond des Nachts. Der „alte“ Gott, bei dem war noch Zuflucht.
Der „alte Gott“ ist nicht mehr. Er hat sich verflüchtigt, hat sich verabschiedet. Spätestens seit dem letzten Jahrhundert. Unter anderem die beiden Kriege waren einfach zu viel für ihn, sie haben auch ihm ihre Wunden geschlagen. Er kommt mit unseren langen Listen von Toten und Verwundeten nicht mehr mit. Nichts mehr ist so wie es gewesen ist. Der erste Weltkrieg mit seinen Tausenden von Toten, in den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern. Da kommt Gott nicht mehr vor. Das Theaterstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert bringt dies auf den Begriff. Gott ist ein alter Mann, ein Märchenbuchliebergott, dem die Welt entglitten ist. Borchert fragt Gott: „Wann warst du lieb, lieber Gott?“
„Warst du lieb, als du meinen Sohn, meinen dreijährigen Sohn von einer Bombe zerreißen ließt?“ „Tintenblütige Theologen haben dich gemacht,
Gott.“ „Du bist unmodern, Gott.“ „Du kommst mit unseren langen Listen von Toten und Verwundeten nicht mehr mit, Gott.“
Der zweite Weltkrieg mit der Vernichtung der Juden. In den Gaskammern wurden Millionen von Menschen getötet. Gar nicht vorzustellen, was für ein Elend, was für ein Leid über die Menschheit gekommen ist. Ist der „alte Gott“ mit dem Rauch durch den Kamin davon geweht? – wie ein jüdischer Schriftsteller einmal gefragt hat. Ist Gott in den Gaskammern und den Krematorien der Nazis ausgemerzt worden?
Mittlerweile gehören Kriege weltweit zu den schrecklichen, täglichen Nachrichten. Ob in Syrien oder in Afghanistan: Es wird grausam gestorben
auf der ganzen Welt. In unzähligen Konflikten und Kriegen. Es ist kein Ort mehr, der an Gott erinnert. Gottesferne auf der ganzen Welt. Hat Gott sich still und leise davongemacht? Ist ihm das Treiben der Menschen zu bunt geworden? Hat die Nacht der Sinnlosigkeit ihn vertrieben?
Gott ist unmodern geworden. Die Wissenschaften haben Gott verdrängt. Brauchten wir ihn früher noch, weil die Welt für uns sonst nicht erklärbar war, so hat sich das weitgehend erübrigt. Gott ist vom Nischengott zum Nichtmehr- Gott mutiert. Benötigten wir Gott früher noch, um einige unerklärliche Nischen zu stopfen, so brauchen wir dich nicht mehr, Gott, du bist uns keine Erklärung mehr schuldig, wir kommen ganz gut ohne dich zurecht. Jetzt haben wir verstanden, wie die Dinge zusammenhängen und zusammenwirken.
Die Entstehung der Welt ist mit dem Urknall wunderbar zu deuten. Die Entstehung des Lebens können wir minutiös nachzeichnen. Dazu brauchen wir keinen Gott. Die moderne Chemie oder die moderne Biologie haben dich erledigt, Gott. Sie können uns wunderbar erklären, was bis vor 100 Jahren noch ein Rätsel war. Jetzt wissen wir, wie das funktioniert. Jetzt ist alles klar, Gott, du kannst dich auf dein Altenteil zurückziehen. Und die Religion: Du wirst es kaum glauben, aber auch in der Religion kommen wir ganz gut ohne dich aus. Der Rachegott von damals hat sich ohnehin schon lange erledigt. „Gott kämpft für sein Volk“, was für ein absurder Gedanke. Heute kämpft jedes Volk für sich. Kanonen segnen, das war ohnehin an Blödsinn nicht mehr zu überbieten. Du bist unmodern geworden, Gott, du hast nichts mehr zu melden.
Gott ist nicht mehr salonfähig: Heute brauchen wir einen anderen. Heute brauchen wir einen, der flexibel ist. Heute brauchen wir einen, der sich nicht festlegt, der offen ist für alles. Heute brauchen wir einen, der nicht so wahnsinnig starr ist, der mal so und mal so ist. Heute brauchen wir einen, der mal dem einen und mal dem anderen Recht gibt. Oder brauchen wir eigentlich überhaupt noch einen, der einem Recht gibt? Gott, du bist schrecklich unattraktiv geworden. Wir können ganz gut auf dich verzichten. Doch war’s das tatsächlich? Soll das alles gewesen sein? Ist da nicht ein neuer Gott? Der, an den Jesus sich gewandt hat, der Gott, den Jesus aufgesucht hat, wie hinter einem Schleier verborgen? Wie in einem Nebel. Wie hinter einer Wand. Ist da nicht der Gott, zu dem Jesus gebetet hat: Vater, in deinen Hände befehle ich meinen Geist? Hat Jesus in der Stunde seines Todes nicht etwas geahnt von dem neuen Gott, zu dem er gegangen ist?
Ist da nicht jemand, der für uns da ist, im Verborgenen? Der uns mit Ästen und Reisig und ein wenig Moos eine Hütte baut? Ist da nicht Heimat im Nichts? Ist da nicht Sinn? Ist Gott nicht in den Herzen? Als ich mir plötzlich gewiss war? Als ich ihn spürte? Als er mir nahe war und ich ahnte, dass er da ist, irgendwie da ist. Gibt es das, jene Ahnung? Und kann mir diese Ahnung nicht zur Gewissheit werden?
In dem Brennen der Herzen hat sich da nicht Gott gezeigt. „Brannte nicht unser Herz?“, so fragten die Jünger, als der Auferstandene von ihnen
gewichen war. „Brannte nicht unser Herz?“, so fragen wir uns immer und immer wieder. Nach einem Konzert in der Kirche, in dem mein Herz
angerührt wurde. Nach einem Gottesdienst, als ich spürte: Hier ist mehr als nur etwas Begeisterung.
„Brannte nicht unser Herz“, so fragen wir uns, wenn wir bewegt und ergriffen sind. Wir wissen ganz genau, dass in diesem Augenblick etwas mit uns geschehen ist, dass uns etwas ergriffen hat, dass plötzlich so etwas wie eine Begegnung stattgefunden hat, uns etwas angerührt hat. Warum sollte das weniger sein als zu früheren Zeiten.
Und ob dies einen konkreten Vorstellungsgehalt hat oder nicht – das spielt keine Rolle. In der Regel wird es eher keinen konkreten Gehalt haben, sich nicht in eine sinnliche Vorstellung kleiden. Man wird nicht sagen: So sieht Gott aus oder so. Er ist auch kein Opferbild wie das goldene Kalb. Um ihn kann man nicht tanzen. Ihm kann man keine Gaben opfern. Es findet in meiner Privatsphäre statt. Tief in meinem Inneren, da ist Platz für
diesen Gott. Man könnte auch sagen: Gott-Shelter in der Intimsphäre. Es ergreift mich beim Hören von Musik, in einem Konzert, beim Lesen eines Buches. Und plötzlich weiß ich ganz genau: „Jetzt hat es, jetzt hat er mich ergriffen!“ „Jetzt ist etwas mit mir geschehen.“
Religion haben heißt Antennen für das Andere haben. Ein Sensorium für Jenseitiges. Das ist kein Jenseitsgedusel, das ist der gefasste Realismus,der ahnt oder sich dessen gewiss ist oder fühlt: Da ist anderes als ich mir mit meinen sechs Sinnen so zurechtlegen kann. Da ist mehr, als ich so wahrnehme und sehe und höre und und was weiß ich alles. Da ist etwas, was mich erfüllt, was mir Sinn gibt, was mich gewiss werden lässt. Das brennende Herz, als Bild dafür, dass da etwas ist, das da jemand ist, der mich anrührt. Zu Recht sprechen wir vom „kalten“ und „harten Herzen“. Der Pharao, der die Israeliten nicht ziehen lassen wollte, der hatte ein „kaltes Herz“. Und was hat es ihm gebracht? Er ist in sein Verderben gerannt. Das dankbare Herz, das ist ein Herz, das brennt. Dankbarkeit und nicht wissen, wem gegenüber ich dankbar bin. Der Dank bezieht sich auf den Schöpfer aller Dinge, auf den, der es gut werden lässt. Auf den, der mich erfüllt, der mir die Luft zum Atmen gibt. Der, dem ich dank sage für alles, was mir geschenkt ist. Und ein „reines Herz“ und ein beständiger Geist, ist ein Herz, das für Gott
brennt. Das ist das Herz, in dem Gott ist, in dem Gott wohnt. „Das, woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, hat Martin Luther einmal gesagt. Und wie heißt es im Buch Samuelis (1. Sam. 16,7): Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.
„Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh. Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir; treib all Unreinigkeit hinaus, aus deinem Tempel, deinem Haus.“
Erhard Michael Och
Erhard Michael Och
hundun // von erhard michael och
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experiment vom 22.07.2017: eine stunde im raum mit der installation hundun verbringen, allein für mich.
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ich betrete den dunklen, höhlenartigen raum mit dem fiepen, zirpen, schaben, kratzen, krächzen, den bildern auf den drei monitoren, den verkabelungen, ... / simurgh / ich suche mir einen platz, zuerst bei dem erdhaufen, doch dann ists für mich noch stimmiger, meine schurwollunterlage mit dem kapokzenkopfkissen direkt unter hundun zu platzieren / ich entdecke dort eine herabhängende holzwildwurz, wo grünzeug und ein weiße blüte rauswächst mit regenwaldanmutung, .. / baumelnde glasmurmeln in einem feinen netz laden mich dazu ein, sie zu berühren und ihnen klänge zu entlocken. ich lege mich hin, ruhe auf dem boden, schließe die augen, mache mich leer, nur gefäß sein, ... , die geräusche hüllen mich ein, ein rascheln, ein reiben, ein zündeln, ein zerreißen, ein stoßen, tummeln, kleine käferlein ... / orchi-ideen / ... mein aufenthalt im windloch, einer schachthöhle, wo ich vor einigen jahren auch allein ruhte, tief unten im schoß der erde, senkrecht über mir der sternenhimmel, nachts, taucht in meinem geist auf, wie da die ängste schwanden und die fledermäuse mich umschwirrten, einhüllten, einwebten und eine tiefe feine sprühende geborgenheit in und um mir war, ... / lost lust lost / trauer steigt auf in mir, ich unter hundun liegend / über die jahre, die vergangen sind, unwiederbringlich, ... dieses gefühl, viele jahre nur irgendwie überlebt zu haben, getrennt, .... / wollwuselseeigelzeltplanenbaumilchschaum / ..ich krieche dann auf allen vieren um hundun, lasse mich von der dokumentierten klangperformance von j. und x. in münchen inspirieren, lasse die löffelchen schnellen, vogelpfeife fiepen, ohrwürmchen unhörbar kriechen, wabbelnde palstikeuter wummern, erkunde mit händen und armen allsaitig die schwarze, blättrige, pustelige, fellige, jede menge überraschungen bereithaltende haut von hundun, ... / matsch, wasserrinnsale, ... / die ultraschallbilder wie militärische spähanlagen, die das nächtliche land abscannen / schillernde libellen / die klangperfomerinnen mit ihren stirnlampen, helmen: bergwerkerinnen, archivarinnen, stollentreiberinnen... / das vorsichtige streichen des geigenbogens auf dem narbigen widerständigen, .... / ... goldene röhrenknochen aussaugen / ... meerbug ... / widderhörner / i can hear trumpets.
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( verbindungmaschinen zusammenbauen: der organlose körper bei deleuze / kleist`s über das marionettentheater / nietzsches verkündigung des todes gottes (der tolle mensch) / „sleeping giant“ auf herbie hancocks „crossings“(1971) / neues paradigma: hundun bewusster gedacht als wir unbewusste / dschuang dsi`s freude der fische )
Franz Schneider
Franz Schneider
Störfall
Dass sich die Künstlerin Judith Egger mit wissenschaftlichen Denkweisen auseinandersetzt, scheint naheliegend, stammt sie doch selbst aus einer Familie von Wissenschaftlern. So gründete sie vor einigen Jahren ihr eigenes »Institut für Hybristik und Schwellkörperforschung«. Dessen künstlerisch forschender Ansatz unterscheidet sich allerdings erheblich vom heutigen Wissenschaftsverständnis, welches beherrscht ist von analytischer Beweisführung mit dem Ziel größtmöglicher Objektivität und Abstraktion. In Judith Eggers Forschung steht vielmehr das ungehemmt Wuchernde, myzelhaft Wachsende, sich assoziativ Entgrenzende im Mittelpunkt. Allein die Titel ihrer letzten Ausstellungen »accumulation«, »Biotopie«, »Befall«, »das Röhren der Würmer« oder »Sumpf« weisen darauf hin, dass hier den sterilen, jede Unschärfe und Verunreinigung ausschließenden Laborprozessen andere, scheinbar zufällige, assoziative, ja »wilde« Denk- und Schaensprozesse im Sinne Claude Lévi-Strauss’ entgegengesetzt werden, welche mehr Fragen stellen als Antworten suchen.
Wie eine »Bricolage«, die aus unterschiedlichen Versatzstücken etwas Neues schat, funktionieren viele ihrer Arbeiten, in denen sie aus Ton, Gips, Transparentpapier, Draht oder Latex scheinwissenschaftliche Objekte und Dokumente erschat, welche aus den Sammlungen von Forschungsreisenden, aus aufgelassenen Laboren und frühen naturkundlichen Museen stammen könnten. Bei näherem Betrachten aber sind es wild wuchernde und im besten Sinne zusammengebastelte Assoziationsballungen, die Disparates ebenso vereinen, wie sie es wieder zerfallen lassen. In das Spannungsfeld von Zerfall und Wachstum stellt sie auch die große Installation »Störfall« in der Pfeilerhalle der Rathausgalerie.
Der Besucher ªndet sich in einer umgreifenden Laborsituation
wieder, welche einen recht desolaten Eindruck macht.
Das Durcheinander der Labor-Utensilien, die auf dem Boden verstreuten
bröseligen Materialien, das schwe³ige, diuse Licht
scheinen auf einen zerstörerischen Unfall hinzudeuten. Die
Aufhebung von Ordnung, was ein strukturiertes Analysieren der
Situation erschwert, ist begleitet von einer Aufhebung der Zeit:
Während das weiße zeltartige Gebilde auf eine archäologische
Ausgrabung hindeutet, sind die noch vor sich hin tickenden,
funktionslos zuckenden Messgeräte ein Indiz für einen erst vor
Kurzem erfolgten Störfall, dessen Ausmaß schwer zu ermessen
ist. An den Pfeilern ranken sich wild wuchernde Latexgebilde
empor, unterschiedliche Lebensformen, die an Pilz- oder
Störfall
von Franz Schneider
Franz Schneider, * 1957, studierte von 1977 bis 1980 an der Universität
Regensburg und gründete 1983 den Verein für zeitgenössische Kunst
Landshut e.V. Von 1985 bis 1992 war er Vorstand und Kurator der Galerie
am Maxwehr e.V., und seit 1992 ist er Leiter und Kurator der Neuen Galerie
Landshut e.V. Es erscheinen zahlreiche Texte zu Kunst und Künstlern.
Der Text »Störfall« ist im Rahmen der Gruppenausstellung der Neuen
Galerie Landshut e.V. »Kunst- und Wunderkammer revisited – Weisen der
Welterschließung in der aktuellen Kunst« (2012), entstanden.
* Vito Fumagalli: Der lebende Stein. Stadt und Natur im Mittelalter,
Berlin 1989, S. 12f.
Bakterienfäden erinnern und sich nicht eindeutig P³anzlichem
oder Tierischem zuordnen lassen. Sie können ebenso Relikte
eines verunglückten Experiments sein wie Pionierlebewesen, die
ein neues Biotop besiedeln. Judith Egger lässt ihre Installation
nach beiden Seiten oen. Die Zersetzung einer Dorfstraße, wo
sich der Kuhdung, unterstützt von Sommerhitze und Gärprozessen,
langsam in die Teerdecke fraß, gehört zu ihren bleibenden
Kindheitserinnerungen – und die P³anzen, die sich zugleich
durch diese Lücken zwängten und so den zivilisierten Bodenraum
zurückeroberten. Dieses Phänomen beschreibt auch der
Historiker Vito Fumagalli, jedoch unter anderen Vorzeichen: Als
im frühen Mittelalter die römischen Städte und Bauten zerªelen,
war rasch wieder alles von Wäldern, Heideland und Sümpfen
bedeckt.
»Die Ruinen, die aus dem Heideland herausragten oder sich den
Menschen, die den Wald durchquerten, unvermittelt in den Weg
stellten, behielten einen sakralen Charakter, wenngleich mit
einem negativen, ªnsteren und feindlichen Anstrich. […] Laute,
Geräusche oder eisige Stille und Lichter in der Stadt zeugten
von ihrer oft augenfälligen, oft unter Erde, hohem Gras und
P³anzen verborgenen Anwesenheit.« *
In dieser Schwebe lässt Judith Egger auch ihre Installation
»Störfall«: Aus der Ordnung und der Zeit enthoben, wirkt sie wie
eine Störung unserer gesicherten Anschauungen und Vorstellungen
und verweist auf die Möglichkeit, manches auch anders
zu denken.

Catalogues
| Adidal Abou-Chamat | Gretta Louw |
| Benjamin Bergmann | Michaela Melián |
| Roland Burkart | M+M |
| Jutta Burkhardt | Edie Monetti |
| Federico Delfrati | Herbert Nauderer |
| Judith Egger | Olaf Nicolai |
| Alina Grasmann | Susanne Pittroff |
| Barbara Herold | Julian Rosefeldt |
| Ralf Homann | Philipp Stähle |
| Magdalena Jetelová | Angela Stiegler |
| Franka Kaßner | Tamiko Thiel |
| Lars Koepsel | Veronika Veit |
| Peter Kogler |